280 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Kepler.
zunächst 'als reine Zahlenwerte, als Faktoren, die sich mit dem
Gegenfaktor der anziehenden Kraft durchdringen und zu einem
eindeutigen quantitativen Endergebnis bestimmen. Wenn den
Himmelskörpern keine „natürliche Trägheit“, wenn ihnen nicht
„eine Art von Gewicht“ zukäme, so bedürfte es keiner Kraft,
um sie von der Stelle zu bewegen und die geringfügigste äussere
Ursache würde genügen, ihnen eine unendliche Geschwindigkeit
zu verleihen. Nun aber, da wir sehen, dass der Umlauf der
Planeten in fest bestimmten Zeiten, dass er bei den einen lang-
samer, bei den andern schneller erfolgt, werden wir notwendig
dazu gedrängt, das Moment des „Widerstands“ der Materie ein-
zuführen, vermöge dessen sich jene Verschiedenheit zu exakter
Darstellung und Berechnung bringen lässt.) Es ist charakte-
ristisch für die Neuheit des Gedankens, wie Kepler hier noch
überall mit dem Ausdruck zu. ringen hat, wie er insbesondere
den Begriff der Masse das eine Mal durch die Analogie zum
‚Gewicht“ zu verdeutlichen, auf der anderen Seite jedoch eine be-
stimmte Unterscheidung zwischen beiden Momenten festzuhalten
sucht.®) Auch der Ausdruck der „Trägheit“ entwickelt sich erst
allmählich und schrittweise aus einem sinnlichen Bilde zu der
Bestimmtheit eines festen, mathematischen Prinzips; zu einem
begrifflichen Merkmal, das uns gestattet, die Körper, vermöge
ihrer verschiedenen Reaktion auf ein und dieselbe Bewegungs-
arsache, zu unterscheiden und innerhalb des Gesamtsystems als
’ndividuell abgegrenzte Einheiten zu behaupten. Es ist ausser-
ordentlich lehrreich zu verfolgen, wie sich der neue Gedanke aus
ainem alten metaphysischen Gegensatz herausbildet. Kepler
setzt den Begriff der „Materie“ zunächst noch im Aristotelischen
Sinne der reinen „Form“ entgegen —, wobei er unter der Form
jedes bewegende Prinzip, in dem frühesten Stadium der Be-
lrachtung also die führenden Intelligenzen der Planeten ver-
steht. Indem er nunmehr einen Faktor entdeckt, der dem An-
trieb zur Bewegung entgegengerichtet ist und widerstrebt, fällt
dieser notwendig dem Gebiete des Stoffes anheim; wobei der
Stoff noch durchaus als eine eigene, metaphysische Qualität und
‚Natur“ gedacht wird: als ein Hemmnis, dessen die reine Form
sich zu bemächtigen und das sie zu bemeistern hat. Jetzt aber
setzt eine völlig neue Entwicklung ein: die bewegungserzeugenden