Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 2)

llirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 415 
That eroberte sich der neue Glaube in diesen Jahren in ganz 
Mittel- und Nordeuropa immer weitere Gebiete. In Frank— 
reich allerdings blieb die Opposition gegen die mittelalterliche 
Kirche, zunächst auf humanistischem und nicht auf theologischem 
Boden erwachsen, mehr freigeistig witzig als religiös tief, mehr 
höhnend als verwundend. Man kam daher in religiösen 
Fragen zwischen Deutschland und Frankreich nicht viel über 
äußerliche Beziehungen hinaus; auch die Thatsache, daß Franz J. 
im Jahre 1535 Melanchthon und Bucer zu einer Reise an 
seinen Hof aufforderte, änderte daran nichts; es handelte sich 
dem Könige dabei bloß um die religiöse Maskierung politischer 
ziele. 
Etwas inniger schon waren die Beziehungen zu England, 
trotz der unglückseligen Begründung der englischen reformierten 
Staatskirche durch Heinrich VIII. Hier wurde doch durch 
den Erzbischof Cranmer von Canterbury und andere Theo— 
logen eine Reihe von Fäden nach Deutschland hinübergezogen, 
und eine gewisse geistige Verwandtschaft der lutherischen und 
der englischen Reformation war immerhin nicht zu ver— 
kennen. In viel höherem Grade erreicht aber ward diese 
Gemeinschaft mit der Reformation der skandinavischen Länder: 
kann diese doch geradezu als aus einer Abzweigung der 
deutschen Bewegung erflossen betrachtet werden. Auch war 
hier der Verlauf, soweit es sich um die Einmischung der staat— 
lichen Gewalten handelt, ganz ähnlich. Wurden schließlich 
Staatskirchen entwickelt unter starker Beteiligung des Adels an 
der materiellen Verwertung des herrenlos gewordenen Besitzes 
kirchlicher Körperschaften, so entsprach dieser Verlauf im all— 
gemeinen ganz den Vorgängen in Deutschland, und auch die 
auf den ersten Blick eigenartige Teilnahme des nordischen Adels 
sindet in einigen nordostdeutschen Territorien ihr Gegenstück. 
Mit alledem war die ursprünglich rein deutsche Bewegung 
des Protestantismus seit den dreißiger Jahren ein Teil ge— 
worden viel weiter greifender, europäischer Vorgänge: unbewußt 
uind bewußt strömten die Wirkungen der religiösen Bewegungen 
hinweg über die staatlichen und nationalen Grenzen. Die
	        
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