Full text: Grundfragen der Wirtschaft

insbesondere in den letzten Jahrzehnten augenscheinlich stark abgenom 
men, namentlich als Folge einer Gesetzgebung, die durch Eingriffe in 
die Wirtschaft sowie durch ihre steuerliche und soziale Belastungen 
das freie Schaffen außerordentlich erschwert hat. 
Die Freiheit, Unternehmer zu werden, hat ja jeder Staatsbürger, 
aber die meisten ziehen die weniger verantwortliche Laufbahn eines 
Arbeiters, Angestellten oder Beamten vor. Der Fall ist auch sehr 
häufig, daß der freie Handwerker seine Selbständigkeit aufgibt und in 
eine Fabrik geht, wo er die Sorgen des Unternehmers mit einer ge— 
regelten, mit festen Bezügen verbundenen abhängigen Stellung, die 
ihm und seinen Hinterbliebenen außerdem dank staatlicher Gesetz- 
gebung für den Fall der Erwerbsunfähigkeit und des Todes eine 
Sicherung bietet, vertauscht. Frie drich Naumann hat diese 
Bestrebungen, sich einer Verantwortung zu eutziehen, und ihre Ge— 
fahren schon vor etwa 12 Jahren folgendermaßen gekeunzeichnet: 
„Wir nähern uus einer Zeit der Systematisierung, wo alles 
gebunden ist, das Leben gesichert und versichert wird, wo vor lauter 
Versicherung das eigentliche Leben nicht mehr frisch herauskommt. 
An diese Bestrebungen, deren letzter Traum der risikolose Mensch 
ist, knüpfen sich schwere Bedenken, darin liegt ein Problem für die 
zukünftige Politik und Wirtschaft, wie für Sittenlehre und Sitten- 
leben eines Volkes.“ 
Das höchste Ziel vieler Menschen ist heute der festbesoldete, 
lebenslänglich angestellte, peusionsberechtigte Beamte. Sie übersehen 
die Nachteile dieser Stellung gegenüber der angeblichen Sicherheit, 
„angeblich“ sage ich, weil auch diese Sicherheit, wie die heutigen Ver— 
hältnisse zeigen, einen problematischen Wert hat. Vom allgemeinen 
Standpunkte anus gesehen, hat jedenfalls die Allgemeinheit allen 
Grund, die Entwicklung des Nachwuchses zu freien, verantwortlichen 
Persönlichkeiten zu fördern. 
Der zweite starke Antrieb zum Unternehmen ist die Aussicht 
auf Erfolg, auf Gewinn, der nicht in bestimmten Rationen 
zugemessen wird, sondern dem Wirtschaftenden in unbegrenzten Mög⸗ 
lichkeiten vor Augen steht. Es ist rund herausgesagt der Eigennutz, 
der zum selbständigen Wirtschaften anspornt. Der Eigennutz ist an 
und für sich keine nur dem Wirtschafter anhaftende Eigenschaft, er 
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