Statistik der Aktiengesellschaften. Entstehung der Genosfenschaften. 445
mehrerer an der Spitze der großen Unternehmungen geschaffen haben, sehen wir in den
neueren Genossenschaften die Formen, in welchen die mittleren und unteren Klassen, die
Arbeiter, Handwerker, Bauern und Landwirte, sich zu gemeinsamen Unternehmungen
zusammenfanden. Es ist ein überaus merkwürdiges, unser volkswirtschaftliches Leben
und Treiben gewissermaßen auf einen anderen Boden stellendes Princip, was hier sich
durchringt. Freilich schon in der offenen Handels- und in der Altiengesellschaft ist es
richt der egoistische Erwerbstrieb allein, der die Betriebe beherrscht und ermöglicht, aber
doch hat er noch eine überwiegende Bedeutung. Die Genossenschaft will auch geschäfts—
näßig verfahren und kaufmännisch erziehen, aber sie will stets zugleich auf brüderlichem
Beiste beruhen, ihre psychologischen und sittlichen Elemente sind um ein gutes Stück
andere als dort. Sie erwuchs in den Kreisen der Gesellschaft, in welchen der moderne
Erwerbstrieb noch nicht seine volle Ausbildung erhalten, die noch stärker von lebendigen
Bemeinschaftsgefühlen beherrscht waren. Sie entstand in den Kreisen, die von der
nodernen Wirtschaftsentwickelung bedroht waren. Die alten Mittelstände in Stadt und
Land sahen sich in die Notwendigkeit versetzt, entweder in den alten Betriebsformen
unterzugehen oder sich technisch und kaufmännisch zu vervollkommnen und dabei sich
genossenschaftlich zu sammeln. Die bereits zum Lohnarbeiter Herabgedrückten waren
dem Waren- und Wohnungswucher, dem Lohndrucke, der Ausbeutung ausgesetzt. Mit
dem Siege der Geld- und Kreditwirtschaft, der neuen Technik begann in diesen Kreisen
zin lebendiges Vereinswesen zu erblühen, das zur Vorschule für das Genossenschaftswesen
vpurde. Ideale Apostel der Selbsthülfe und des genossenschaftlichen Geistes, wie Schulze
und Raiffeisen, ganze nund halbe Socialisten, wie R. Owen und Buchez, christliche
Socialisten, wie Maurice, Ludlow, Holyoake, V. A. Huber, stellten sich an die Spitze
don kräftigen Agitationen, die eine Reform aller menschlichen Motive, wie aller volks—
wirtschaftlichen Organisation erhofften. Von diesen Idealen wurde nur ein Teil erreicht,
und konnte es nur ein Teil. Die Welt ließ sich nicht plötzlich ändern. Das Geschäfts—
leben läßt sich nicht bloß auf ideale Antriebe gründen. Auch die sogenannte „Selbst-
hülfe“ konnte nur den Sinn haben, daß die Betreffenden sich nicht rein von oben
organisieren und leiten ließen, daß sie mit männlicher Aktivität, wenn auch unter den
Impulsen aus höheren Kreifen, selbst Hand anlegten. Zu den idealistischen Strömungen
der hochherzigen Brüderlichkeit, die die Bewegung belebten, kam das erwachende Standes—
und Klassenbewußtsein, die radikale Entrüstung über die Mißbräuche des Bestehenden
and ebenso die Hoffnung auf Gewinn und Dividende, auf bessere und billigere Waren,
auf besseren Absatz, erleichterten Verdienst. Es geht nirgends in der Welt ohne die
Mischung höherer und niederer Motive. Es kommt nur darauf an, die Mischung zu
finden, welche die Menschen nicht bloß wirtschaftlich, sondern auch moralisch und gesell—
schaftlich vorwärts bringt und treibt.
Die teilweise schon 1820 -50 versuchten, 188070 in England und Deutschland,
1870 —1900 in allen wichtigeren Kulturstaaten zu Hunderten und Tausenden entstandenen
wirtschaftlichen Genossenschaften (societes coopératives, provident and industrial societies)
sind Vereine überwiegend lokalen Charakters, deren Mitglieder zuerst wesentlich den
unteren und mittleren Klassen angehörten; sie schießen meist in kleinen Teilzahlungen,
oft mit Hülfe des Sparzwanges ein kleines Kapital zusammen und begründen gemeinsame
Geschäfte zur Förderung ihres Erwerbes und ihrer Wirtschaft; weder das Kapital, noch
die Mitgliederzahl ist geschlossen wie bei der Aktiengesellschaft: der Schwerpunkt der
Vereinigung liegt nicht, wie bei jener, im Kapital, sondern iu der persönlichen Ver—
einigung; sie faßt nicht 2—68 Gesellschafter zu einem Geschäft zusammen, wie in der
offenen Handelsgesellschaft, sondern Dutzende, oft Hunderte; ein gewählter Ausschuß,
ein Vorstand führt die Geschäfte, nicht die Gesamtheit der Genossen, welche ihre Rechte
ausschließlich in der Generalversammlung ausübt.
Die Zwecke der Genossenschaften sind nun im einzelnen ebenso verschieden wie die
Zahl der Mitglieder und das Maß der Beteiligung, das die Genossen ihnen widmen.
der Konsumverein ist ein genossenschaftliches Detailverkaufsgeschäft, das an die Mitglieder
qute, unverfälschte, preiswerte Waren verkaufen, sie teilweise auch selbst herstellen, einen