Umrisse einer Theorie des Individuellen, I, B.
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„Sandstein“ usw. anwenden läßt, in der Relation auf „Kalk“ aber auf
die „zerklüftete“ Beschaffenheit führt. Dem idiographischen
Denken ist es eigen, daß diese Rolle des Verbindenden nicht eine
höhere Art, sondern ein höheres Ganzes spielt. Wie sich unser
Berg zugleich als „Ausläufer“ und als „Krönung“ charakterisieren
läßt, wird uns sofort aus der Struktur des Y-Gebirges
klar: das Plateau, das unser Berg „krönt“, wird dem Gebirge eben mit
jenem Höhenzug A eingegliedert, der in unserem Berge „ausläuft“.
Umgekehrt aber, sobald unser Berg in jener doppelten Weise
charakterisiert wird, also sein Individualbegriff schon beide Teilinhalte
umfaßt, dann leistet dieser um so besser seinen logischen Dienst:
um so besser läßt er uns in dem Einzelnen, kraft dessen Charakteristik,
schon das umschließende Ganze durchblicken! Soviel
ist also sicher, die beiden Teilinhalte des Individualbegriffes stehen
nicht bezuglos nebeneinander; sie verschmelzen unter sich wieder zu
einem Gesamtcharakter. Diesen Ausbau des Individualbegriffes,
i m W ege des Einbezuges neuer Charakteristik, die
mit der bereits vorliegenden verschmilzt, will ich an
unserem Beispiele noch für einen kleinen weiteren Schritt beleuchten.
Unter einer „Wasserscheide“ stellen wir uns eine Linie vor, von
der aus nach rechts und links die Wässer anderen Flüssen oder
Meeren Zuströmen. Im Grunde handelt es sich auch hier um Systeme
der Bodengestaltung, um die Scheidung von zwei Systemen je gleich
sinniger Abdachung. Hüben und drüben fügen sich benachbarte
Flächen verschiedenen Gefälles dadurch in eins, daß ihr stetiger Ab
fall an derselben Grundlinie zur Ruhe gelangt: z. B. an einer Meeres
küste. Die Feststellung solcher Systeme nimmt uns in der einfachsten
Weise die Natur ab, eben durch die Laufrichtung, die Mündungstendenz
der ab fließenden Wässer. Setzen wir nun das Verhältnis unseres
Berges zur Laufrichtung der benachbarten Gewässer außer Zweifel, so
besagt dies noch eine Bestimmung der Konstellation. Stellen wir
aber an der Hand des Funktionalbegriffes „Wasserscheide“ fest, daß
unser Berg „die über den Höhenzug A hinlaufende Wasserscheide fort
setzt“, dann ist dies nicht mehr bloße Konstellationsbestimmung. Es
Fegt eine Charakteristik, das heißt, ein Teilinhalt des In
dividualbegriffes vor; denn ausdrüklich als das System seiner
Hänge fügt sich unser Berg zugleich in jene beiden Abdachungssysteme
ein > die „scheiden“ zu helfen seine Funktion ausmacht. Weil aber
diese „Wasserscheide“ über unseren Berg und den Höhenzug A ver-
iäuft, beide also der nämlichen „hydrographischen“ Einheit angehören,
so vertieft diese Charakteristik jene frühere, wonach unser Berg ein