Full text: Einführung in die Volkswirtschaftslehre

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Die Glltererzeugung. 
zelnen Berufsstände sich gegenseitig diesen Ehrentitel abzusprechen 
und für sich allein zu beanspruchen geneigt sind, vor allem liegt 
der freilich grobmaterialistische Irrtuni nahe, den Begriff des 
produzierens an die Herstellung eines körperlichen Dbjekts zu 
binden; wer Nägel schmiedet oder Getreide ausdrischt, der produ 
ziert; wer aber nur Verse macht oder mathematische Lehrsätze sucht, 
der faulenzt. Diese Unterschätzung der geistigen Arbeit oder viel 
mehr die vollkommene Verkennung des Produktionscharakters der 
geistigen Leistung ist eine besondere Gefahr der handarbeiterschast, 
die leider heute noch zum großen Teile für die Bedeutung der 
Unternehmungsleitung blind ist. Aber auch innerhalb der wirt 
schaftlich selbständigen Klaffen sind die gegenseitigen Unterwcrtun- 
gen dieser Art noch häufig genug; namentlich wird die produktive 
Tätigkeit des Handels oft genug verkannt. Die physiokraten, eine 
volkswirtschaftliche Schule des J8. Jahrhunderts h vertraten sogar 
die Auffassung, daß überhaupt nur die Landwirtschaft neue Werte 
schasse; freilich zogen sie aus dieser schmeichelhaften Voraus 
setzung eine für die so belobten Landwirte recht unangenehme 
Folgerung, daß nämlich eine einzige Steuer auf die landwirt 
schaftlichen Produkte genüge, um damit das ganze Volkseinkommen 
an der «Duelle abzufangen. 
Der Irrtum ist durchaus auf der Hand liegend; man glaubte, 
daß durch die Tätigkeit des Landwirtes etwas schlechthin Neues, 
vorher noch nicht Dagewesenes entstehe. Die wissenschaftliche 
Lhemie hat uns längst gelehrt, daß auch die Tätigkeit des Land 
wirts keine andere ist als die jedes anderen Arbeiters an der 
Materie: die einer Stofsumwandlung. Aber auf den Begriff der 
Stoffumwandlung dürfen wir die Produktion nicht beschränken; 
ist doch diese Umwandlung nur Mittel zum Zweck, nämlich der 
Bedarfsbefriedigung. Der Landwirt zieht ein Stück Vieh; doch 
solange das Schwein noch auf seinen heimatlichen Gefilden wan 
delt, interessiert es uns nicht, sondern erst wenn sein Schinken auf 
unserem Tisch steht. Dazu aber bedarf es der Vermittlung des 
Viehhändlers, neben der des Schlächters. Der Kaffee in Brasilien, 
das Bild im Atelier des Künstlers, der Seidenstoff, der in Krefeld 
oder Lyon gewebt wurde, sie alle würden ohne die Vermittlung 
des Handels und des Transportes für uns nicht eristieren. Der 
Begriff der Produktion schließt eben eine Beziehung auf den Kon- 
' Vas griechische werk Physiokratie bedeutet „Herrschaft der Natur".
	        
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