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EIN RÖMISCHER TRIUMPHZUG
Nun wird ein gewaltiger Baumriese herbeigeführt, zu einem Boote
ausgehöhlt, das wohl 30 Mann fassen kann (Einbaum). Große Wachs-
und Honigscheiben wilder Bienen, die als Leckerbissen geschätzten
Rüben, Rettiche,. wildes Obst, Hafer, Gerste sind die besten Produkte
des Landes. Jetzt kommt der Hauptteil der -Beute, die Waffen
dieses kampffrohen Volkes, in Bündeln und Haufen vereinigt die ger-
manische Nationalwaffe, die Framea, der kurze Speer, zu Stoß und
Wurf gleich geeignet, die Pfeile mit Spitzen aus Horn, Schiefer, Ge-
weih oder Knochen, die gewaltige Holzkeule und der zackige Streit-
hammer, hier und da, aber selten, ein mächtiges, zweischneidiges
Schlachtschwert.
Der Zug der Gefangenen naht, Männer, Weiber, Kinder aus
den edelsten Geschlechtern in Sklavenketten. Bei Überfällen oder
durch Vermittlung des römerfreundlichen Segestes sind sie in die Hände
des Siegers gefallen. Stolz und des Hohnes der übermütigen Zuschauer
nicht achtend, schreiten die Germanen einher. Welch gewaltige Ge-
stalten! Alle sind sie weit höher als die Italiker. Die langen Haare
und der Bart sind rot oder blond, die Augen blau oder grau, von blitzen-
dem Feuer, sie sind in linnene Gewänder gekleidet, über die manch-
mal die Felle erbeuteter Tiere geworfen sind. Schwer mag man dem
wilden Ansturme solcher Riesen, dem Furor Teutonicus (sprichw.)
widerstehen!
Doch wer ist unter diesen edlen Germanen der ehrwürdige Greis ?
Es ist Libes, ein Priester und Sänger der Chatten. An der Seite
hängt ihm stumm die Leier, mit deren Klang er einst den Sang
von den Taten der Götter und Helden. beim Gelage der Männer
zu begleiten pflegte. Da verstummen plötzlich die schadenfrohen
Rufe der Menge. Thusnelda, die Gemahlin des Arminius,, des
Vernichters der drei Legionen des Varus, naht als Gefangene. Hoch
trägt sie das stolze Haupt, ihr Blick hat nur Verachtung. Ihre
Leidensgefährtinnen, germanische Fürstentöchter, folgen schmerz-
gebeugt; in aufwallendem Zorn rüttelt mitunter eine an den ent-
ehrenden Fesseln und erwidert mit trotzigem Blick die drohenden
Gebärden der Römerinnen.
Jetzt bricht ein Sturm des Unmutes los, als man den riesigen
Deudorix sieht, den Fürstensohn der unbeugsamen und mordlustigen
Sigambrer, die endlich doch zersprengt worden sind. Die Hände ‚auf
lem Rücken gebunden, blickt er noch kühn und herausfordernd voll
Haß nach dem Kaiser und seinem Hofe.
Heil dem Sieger, Heil dem Rächer, Heil dem Triumphator
Germanicus! Immer mächtiger schwellen die Wogen der Begeiste-
rung an. Auf hohem, von vier weißen Rossen gezogenen
Wagen naht in der purpurglänzendenTriumphatorentracht
(Siegestracht der Götter!), das Haupt von dem Lorbeerkranze um-
wunden, umgeben von seinen fünf lieblichen Kindern, unter einem
Blumenregen der glückliche Sieger, Cäsar Germanicus. Neben und
hinter dem -Triumphwagen reitet die Ehrenwache, die bedeutendsten