WAHLREDEN
21G
entgeltlichen Tätigkeit von vornherein vermieden ist. Die
berühmten Redner der Antike Aristides, Demosthenes
und Cicero sprachen einerseits persönlich für die von ihnen
zur Durchsetzung in Aussicht genommenen Wahlprogramme
und ließen anderseits sowohl ihre Wahl als auch ihre Pro-
gramme durch die Redekunst ihrer Freunde, Schüler und
Anhänger empfehlen. Welche große Bedeutung das antike
Staatswesen dem gesprochenen Worte in der Politik zuwies,
ist am besten durch den aus öffentlichen Mitteln erfolgten Bau
der Rednerbühnen auf den Marktplätzen (Forum-Agora)
ersichtlich. Zur leichteren Bearbeitung großer Territorien ist
die Wahlreklame in der Regel in der Form dezentralisiert,
daß im ganzen Gebiete Wahlkomitees und Wahllokale ver-
streut sind.
III. Das geschriebene Wort.
Schon im Hinblick auf den Mangel der Behelfe konzen-
trierte sich im Altertum die Wahlagitation in erster Linie auf
die Versammlungen, also das gesprochene Wort. Das Auslangen
damit war auch deshalb damals leichter möglich, weil die zu
vertretenden Gedanken doch relativ einfachere waren, wie
z. B. die Frage, ob, wie früher erwähnt, die Land- oder See-
macht Athens ausgebaut werden solle, ob die Boden-
reform in Rom durchzuführen, ob Karthago zu zerstören
wäre usw. Im übrigen handelte es sich darum, vornehmlich
nachzuweisen, daß die Kandidaten vorbildliche, kluge, recht-
schaffene und uneigennützige Bürger wären.
Über ganz andere Probleme hatte sich die Wählerschaft
im 19. Jahrhundert und später zu entscheiden. Hier mußte
sie bereits zu großen Systemen, z. B. dem Liberalismus, Sozialis-
mus und später auch Kommunismus Stellung nehmen, Systeme,
die sich mit jeder einzelnen Tagesfrage von anderen Gesichts-
punkten aus befassen. Hier wäre es unmöglich, durch das
gesprochene Wort allein die Wähler von der Richtigkeit des
Standpunktes der einen oder anderen Partei zu jeder einzelnen
Frage zu überzeugen, wenn auch die mündliche Propaganda
und die Anzahl der Versammlungen vervielfacht wurde.
Das Flugblatt und die in Hunderttausenden Exemplaren