1J. Rationalisierung und Religion
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Damit ist die religiöse Basis geschaffen, die für die Selbstheiligung
der Menschen durch rationale Bewährung in der Lebenshaltung un⸗
entbehrlich war. Alle materiellen Kulturwerte sind von nun ab gerecht⸗
fertigt, welche zur Erhaltung der Existenz des Menschen notwendig
sind oder sie erleichtern, weiterhin auch jene, die darüber hinaus
geeignet sind, Hindernisse zu dieser Bestimmung zu beseitigen.
Jedoch auch für die protestantische Wirtschaftsethik sind die mate⸗
riellen Lebenswerte nicht autonom. Ihre wahre Autonomie besteht
vielmehr ebenso wie für den Katholizismus in ihrer Dienstbarkeit. Zu
den geistigen Werten kommen der Wirtschaft in diesem Sinne nur
Beziehungswerte zu, sie findet ihre Schranken an der Rücksichtnahme
auf Menschenwürde und religiösem Heil, von denen sie ihre Richtlinien
empfängt. Die christliche Liebe muß die Wirtschaft so zu gestalten
suchen, daß „erstens alle Menschen in der Lage sind, sich menschen⸗
wuͤrdigen Lebensunterhalt zu erwerben, daß zweitens die schroffen
Gegensätze zwischen Armut und Besitz nivelliert und daß drittens
jeder Person die ihr nötigen wirtschaftlichen Mittel zur individuellen
Wertentfaltung zur Verfügung stehen ).“ Damit wird die Wirtschaft
ganz auf den Menschen eingestellt und auf seinen Bedarf. „Darum ist
das Ideal einer christlichen Wirtschaft die begrenzte Bedarfswirtschaft,
die stabile Wirtschaft, in der sich Mittelbeschaffung und Bedarf decken
und in der nicht durch künstliche Erhöhung der Bedürfnisse diese
Harmonie beständig zerstört wird*).“ Bis zur Erreichung dieser
Harmonie muß jedoch die Produktivität gesteigert werden, um die
Ansprüche des Wirtschaftswertes auf das Primat zu unterdrücken.
Auf dem Wege zu diesem Wirtschaftsziel ist der Kapitalismus
keineswegs hinderlich, sofern er die Vervollkommnung der mensch⸗
lichen Einrichtungen weiter entwickelt. Nur seine Ausschreitungen im
okonomischen Liberalismus mit seinem Kampf von Mensch gegen
Mensch, seiner Klassenspaltung und Überspannung des Erwerbs⸗
5 Georg Wuünsch, Evangelische Wirtschaftsethik, Verlag J. C. B. Mohr,
Tübingen, 1927. S. 407 u. 410.
Rauecker