Full text: Rationalisierung als Kulturfaktor

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B. Betrachtungen 
willens ist vom Übel. Der liberale Kapitalismus ist die Verkörperung 
der Dämonie, ist „ein gewaltiges System der Versuchung zur Ab⸗ 
goͤtterei“x). Daher gilt es, eine gebundene Wirtschaftsordnung an 
seine Stelle zu setzen. „Das Ziel kann nur sein, daß, so wie die Klöster 
Produktivgenossenschaften waren, auch die Gesellschaft eine Produktiv⸗ 
genossenschaft wird, sei es als ganze, sei es geteilt nach Volks⸗ 
wirtschaften oder nach kleineren Genossenschaftskreisenxx).“ Gegen⸗ 
über dem profanen Sozialismus, der zur Wirtschaftsdämonie ver⸗ 
leiten könnte, sucht der religiöse die Vergleichgültigung, die Ver⸗ 
relativierung der Wirtschaft. 
Hier zeigt sich mit aller Deutlichkeit die unmittelbare Verwandtschaft 
wischen den Zielsetzungen der modernen Rationalisierungsbewegung 
und der protestantischen Wirtschaftsethik: die Gestaltung der Bedarfs⸗ 
deckungswirtschaft durch planwirtschaftliche Maßnahmen erscheint 
als die wichtigste Aufgabe der Wirtschaftslenkung. Auch in den berufs⸗ 
politischen Grundlinien finden sich Parallelen. Das Problem der Wirt⸗ 
schaftsgestaltung ist für den Protestantismus heute ein organisato⸗ 
risches und ethisches: die Arbeitskraͤfte dorthin zu stellen, wo sie am wirk⸗ 
samsten gebraucht werden können, und die Verteilung der Produkte so 
zu gestalten, daß alle ihren angemessenen Anteil an der wirtschaftlichen 
Leistung, also auch an der Technisierung und Rationalisierung, erhalten. 
„Es müssen alle, die können, zu arbeiten Gelegenheit haben, und alle 
von den wirtschaftlichen Intelligenzleistungen der Menschheit in Form 
einer kulturell echtwertigen Lebenshaltung mitgenießen. Die Mittel 
dazu sind da — nur zwei Faktoren sind dafür ein Hindernis: die 
mangelhafte Möglichkeit einer organisatorischen Ordnung der Wirt⸗ 
schaft und der Wille zu dieser Wirtschaft. Und mit dem Willen dazu 
hat es die Kirche zu tunxxx).“ 
Die protestantische Wirtschaftsethik bejaht also die technisierte und 
durchorganisierte Wirtschaft eindeutig, da sie allein herbeischaffen könne, 
H Waͤnsch, a.a. D., S. 475. — *x) Wunsch, a. a. D., S. 681. 
xxx) Wunsch, a.a.O., S. 7o6f.
	        
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