Übersicht über den inneren Verlauf des individualistischen Zeitalters. 15
Fortsetzung der Errungenschaften des 15. Jahrhunderts, der Ab⸗
schluß der Fähigkeit, die Gegenstände der Außenwelt künstlerisch
wboll plastisch, d. h. dreidimensional zu sehen und wiederzugeben.
Er wurde gewonnen, indem man der realistischen Wiedergabe
des Umrisses die Wiedergabe der Lokalfarbe und dieser die
Wiedergabe des Lichtes einfügte. Erreicht wurde aber dabei
ene Wiedergabe des Lichtes, welche die heutige Kunst kenn⸗
‚eichnet, auch durch Rembrandt und Rubens, die den Höhe—
„unkt der Entwicklung des Zeitalters bezeichnen, noch nicht.
Denn beide setzten die Dinge noch nicht in das natürliche, die
Dinge umfächelnde Tageslicht, sondern vielmehr erst in ein
künstliches, sie mit besonders intensiven Reflexen umspielendes,
cie damit zugleich aber auch isolierendes Licht. Beide Maler
jahen mithin künstlerisch die Welt noch nicht in dem gemein⸗
amen Fluidum eines in unendlichen Dimensionen — oder
wenn man will dimensionslos — lebenden Lichtes, wie es die
moderne Freilichtkunst wiederzugeben sucht als das eigentlich
aktivste Element der Malerei, hinter dem das Körperhafte zurück⸗
tritt, sondern sie suchten die Körper, die ihnen noch immer
die Hauptsache blieben, nur durch ein künstlich geschaffenes
und künstlich geleitetes Lichtfluidum nach unserer Anschauung
mehr äußerlich zu verbinden. So waren ihnen im Grunde die
Gegenstände, die sie plastisch voll erfaßten, doch noch so isoliert,
wie dem Pfychologen die Individualitäten der einzelnen Per—
sonen, und nur durch künstliche Mittel, dort das Licht, hier
etwa die Theorie des Naturrechtes, wurden hier die Gegen—
tände, dort die Personen miteinander verbunden.
Während aber so das Problem der Lichtführung maß—
gebend wurde in der Entwicklung der Malerei schon von Dürer
zis auf Rembrandt, um dann auf der Höhe der Lösung,
welche die großen Meister des 17. Jahrhunderts gefunden
hatten, während des 18. Jahrhunders ungefördert, nur mehr
in bloßen Übertragungen ins Geleckte, Verstandesmäßige,
Nüchterne zu verharren, war inzwischen in der Architektur
der neue, für die Zeit charakteristische Stil gefunden worden:
das Baryck.