die Behandlung der furchtbarsten Folge der Syphilis,
der progressiven Paralyse. Wagner-Jauregg
hat klar erkannt, daß gewisse Formen von
Kretinismus mit einer Unterfunktion der Schilddrüse
des betreffenden Individuums zusammenhängen und
hat in folgerichtiger Weiterführung dieses Gedankens
die Behandlung dieser Kretinformen durch Ver-
abreichung von Schilddrüsentabletten eingeleitet. Er
hat weiter auch auf die Bedeutung des Jodgehaltes
der Nahrung für die Funktion dieser Drüse hin-
gewiesen und in großzügigen Massenexperimenten
gezeigt, welch enorme prophylaktische Bedeutung
der Beigabe kleinster Jodmengen zur Nahrung
zukommt, die sich durch Jodierung des Kochsalzes
leicht durchführen ließ. Noch wichtiger ist Wagner-
Jaureggs Forschung über die Behandlung der pro-
gressiven Paralyse geworden, die das Dogma der
Unheilbarkeit dieser Erkrankung zerstört hat. Aus-
gehend: von alten Beobachtungen, welche ergaben,
daß das Ueberstehen einer fieberhaften Erkrankung
eine gewisse Rückbildung respektive einen Still-
stand der Paralyse verursache, untersuchte Wagner-
Jauregg in jahrelangen Untersuchungen systematisch
den Einfluß künstlich erzeugten Fiebers auf dieselbe.
Er gelangte hiebei zu der Ueberzeugung, daß ein
durch tierische Parasiten im Menschen erzeugtes Fieber
besonders wirksam sei, und verwendete darum schließ-
lich die Uebertragung des Blutes malariakranker Patien-
'en auf die Paralytiker zur Fiebererzeugung. Die so-
zenannte Impfmalaria hat den doppelten Vorteil, daß
sie besonders intensive Fieberanfälle bedingt, aber
auch je nach Bedarf durch Darreichung von Chinin
jederzeit leicht wieder zum Stillstand | gebracht
werden kann. Die Kombination von Impfmalaria
mit der spezifischen, gegen den Syphiliserreger ge-
richteten Therapie hat sich hierbei am wirksamsten
erwiesen und wohl schon Tausende Paralytiker für
Jahre ihrem Beruf und ihrer Familie wiedergegeben.
Es braucht wohl nicht näher ausgeführt werden,
welche Bedeutung dies nicht nur für das Individuum
sondern auch für die Gesamtheit hat. Aber auch in
Frühperioden der Syphilis hat sich die Anwendung
der Malariatherapie zur Verstärkung der Wirkung
der spezifischen Heilbehandlung gegen den Syphilis-
erreger als geeignet erwiesen, worauf insbesondere
die Untersuchungen des verstorbenen Professor
Kyrle hinweisen. Diese Fragen werden unter anderen
an den Universitätskliniken der Professoren Arzt
und Kerl weiter verfolgt.
Aber auch die Jünger Wagner-Jaureggs haben in
hervorragender Weise in den letzten Jahren den
Ruhm der Wiener Schule gefördert. Von Economo
hat als erster erkannt, als in der Nachkriegszeit
gehäuft Fälle von Schlafsucht in Wien auftraten,
daß es sich um eine Epidemie handle, die mit
Entzündungserscheinungen im Gehirn einhergehe,
und hat eine klassische Beschreibung dieser weiterhin
1ach ihm benannten Erkrankung gegeben. Er hat
erner in jahrelangen Studien den zellulären Aufbau
les Gehirns erforscht und in einem monumentalen
\tlas seine Resultate niedergelegt. Von Beobach-
ungen an kriegsverletzten Soldaten nahmen die
studien eines anderen Schülers Wagner-Jaureggs,
Drofessor Pötzls, des gegenwärtigen Vorstandes der
?rager Nervenklinik, ihren Ausgang. Diese Unter-
suchungen haben eine tief schürfende Analyse der
Störungen der Hirnrindenleistungen bei Läsion der
‚erschiedenen Rindengebiete gebracht und uns be-
‚sonders mit den verwickelten Funktionen des Ge-
hirns beim Zustandekommen des Sprechens und des
jehaktes wie auch mit den Gesetzen des krank-
1aften Abbaues dieser Leistungen näher vertrauf
zemacht.
Die Studien Pötzls haben erst den Nach-
weis erbracht, wie es möglich ist, die pathologisch-
ınatomisch orientierte organische Neurologie in
zlücklicher Weise mit den mehr funktionell einge-
stellten Gedankengängen zu vereinigen, die besonders
‚on Freud gelehrt worden sind. Abseits von der
<Jassischen. Forschungsrichtung hat Freud, ausgehend
ron Studien in Gemeinschaft mit dem Wiener Arzte
3Zreuer gezeigt, daß auch beim Zustandekommen
ıervöser Störungen, bei denen selbst die feinsten
Aethoden des Mikroskopikers kein materielles Sub-
;trat nachzuweisen vermögen, allgemein gültige Ge“
;etzmäßigkeiten herrschen. Schon die Analyse nor-
naler Fehlleistungen, des Vergessens, Versprechens
weiters der so bunten Phänomene des Traumlebens
zeigte Freud, daß beim Zustandekommen der
"eistungen eines Menschen nicht nur bewußt
werdende psychische Prozesse, sondern auch un-
jewußt bleibende Mechanismen eine maßgebende
Zedeutung haben. Vor allem die Hemmungen;
velche unsere moderne Kultur dem Menschen schon
zon seiner frühesten Jugend an auferlegt, sind
Schuld daran, daß er seine Begierden und Leiden-
‚chaften vielfach unterdrücken muß, ohne sie ganz
sernichten zu können. Aus der Sphäre des Bewußt-
‚eins verbannt, entwickeln diese psychischen Kräfte
ıber im Unterbewußtsein ungeahnte Knergiep-
Nachdem sie hier eine Metamorphose mitgemacht
1aben, gelangen sie nach der Vorstellung Freuds
wieder an die Oberwelt und bedingen die merk
wvürdigsten Fehlleistungen und krankhaften Störunger-
Fine Aufdeckung dieser Beziehungen vermag iM
Rinzelfalle manchmal krankhafte Erscheinungen ZU
‚eseitigen. Viel bedeutungsvoller als die praktische”
Frgebnisse der hier kurz geschilderten ° Psycho“
ınalyse Freuds scheint ihre theoretische Seite und
hre Wirkung auf andere Disziplinen. Denn wen?
auch nicht jeder den sexuellen Trieben eine gleich
hohe Bedeutung beim normalen Menschen ZU
;prechen wird, wie dies Freud tut, hat . diese!
Torscher doch Erkenntnisse von dauerndem Wert
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