Für die nächste Zeit ist eine Neuordnung der
Geistlichen Schatzkammer und der durch ihre
Rudolfinischen Kunstwerke bedeutenden Schatz-
kammer der Kapuziner vorgesehen, die durch
ihre Übertragung in die geistliche Schatzkammer und
ıhre Restaurierung vor völliger Zerstörung gerettet
wurde. Da nach der dritten Gobelinausstellung kein
geeigneter Raum mehr zur Verfügung stand, werden
in der Estensischen Kunstsammlung in der neuen
Hofburg und in ein paar Sälen der Gemäldegalerie
im Kunsthistorischen Museum alljährlich wech-
selnde Ausstellungen von Tapisserien ver-
anstaltet, um wenigstens die wichtigsten Serien
dieser unvergleichlichen Sammlung zu zeigen.
Für die neue Albertina ergaben sich mehrere
Aufgaben. Waren die beiden Sammlungen, aus
denen die neue Albertina gebildet wurde, früher
verhältnismäßig beschränkt untergebracht und schon
dadurch dem großen Publikum mehr entzogen, so
ermöglichte die Zuweisung des Hauptteiles des Palais
Friedrich eine sachlich ziemlich einwandfreie Auf-
stellung, soweit dies überhaupt in einem alten
Gebäude möglich ist. Es bestehen ein großer Be-
nützersaal, der zweifellos am meisten von allen
graphischen Sammlungen der Welt besucht ist, und
geeignete Räume für zeitlich wechselnde Ausstellun-
gen, - die wesentlich dazu beitragen, das Interesse
der Öffentlichkeit an der Sammlung zu steigern. In
der Regel finden jährlich zirka viermal Ausstel-
lungen statt, die oft an ein aktuelles Thema (zum
Beispiel Dürer) anknüpfen.
Das Zusammenstoßen von etwa einer Million Finzel-
objekten erforderte eine ganz neue Aufstellung nach
modernen Gesichtspunkten, deren Durchführung
natürlich lange Zeit in Anspruch nimmt, doch sind
wichtige Teile fertiggestellt, wie die Deutsche
Schule bis zu den Kleinmeistern, ein Teil
der Holländischen Schule (Lukas van Leyden,
Rembrandt). Von den Zeichnungen ist die Venezia-
nische, Römische und die Niederländische
Schule neu geordnet. Ferner wurde ein provisori-
sches Inventar der gesamten Kunstbestände in den
letzten Jahren ansgelest.
HI. Ausstellungen.
Wiederholt haben sich die staatlichen Kunstsamm-
lungen an größeren Ausstellungen beteiligt, wenn
auch mit Rücksicht auf die Kostbarkeit der Objekte
eine möglichste Beschränkung geboten schien. Viel-
leicht die wichtigste derartige künstlerische Veran-
staltung des letzten Dezenniums waren die drei
Gobelinausstellungen im Oberen Belvedere
1920 bis 1922, die die größte Bewunderung des
Publikums erregten und wesentlich dazu beitrugen,
den Ruhm dieser nur mit der Madrider Samm-
lung vergleichbaren Sammlung zu verbreiten.
Auch für Ausstellungen im Auslande wurden Obiekte
aus den staatlichen Kunstsammlungen leihweise über-
assen. So entsendete die Gemäldegalerie einige
aiederländische Gemälde zu der belgischen Aus-
stellung nach Paris. Kostbare Tapisserien und ‚einige
niederländische Gemälde erregten das lebhafteste Inter-
»sse auf der belgischen Ausstellung in London. Auf den
historischen Ausstellungen in‘ Köln und Aachen
wurden unter anderem die barocken Nachbildungen
des deutschen Krönungsornates zur Schau gebracht.
Einen großen Erfolg hatte vor allem 1927 die Ausstellung
„Le tresor de Maximilien” in Paris, die zum größten
Teil aus Objekten der staatlichen Sammlungen ge-
»ildet war. In diesem Jahre wurden Kunstobjekte an
lie Dürer-Ausstellung in Nürnberg und die historische
Ausstellung in Frankfurt a. M. geliehen. |
Großen Erfolg hatte die von der Albertina zur
”ropagierung der heimischen Kunst veranstaltete
\usstellung österreichischer Zeichnungen und Gra-
»>hik von 1700 bis 1928 in Berlin, sowie die Aus-
stellung französischer Zeichnungen in Leipzig und
Dresden. Auch in Linz und Graz wurden von der
Albertina Ausstellungen veranstaltet. Ebenso hat sich
die Albertina an der Moaximiliansausstellung in
Paris, an der Dürer-Ausstellung in Nürnberg, und an
der Pressa in Köln beteiligt.
IV. Erwerbungen.
Trotz der schwierigen Finanzlage des Staates
konnten einzelne Sammlungen durch wertvolle Er-
werbungen bereichert werden. Auf den reichen Zu-
wachs der Ägyptischen Sammlung durch die
Ausgrabungen Professor Junker’s ist oben hinge-
wiesen worden. DieSammlungen für Plastik und
Kunstgewerbe konnten durch Abgabe einiger
Joubletten wertvolle Kunstobjekte erwerben, unter
denen ein Bronzerelief von Algardi, eine Buchs-
statuette von Conrad Meit, eine überlebens-
große Madonna mit dem Kind (Ende des
13. Jahrhunderts) hervorgehoben seien. Mit Unter-
stützung des Ministeriums gelang es, eine prachtvolle
Glockenkasel des 13. Jahrhunderts aus St. Paul
zu erwerben. Im April dieses Jahres konnte auf
einer Wiener Auktion eine interessante Elfenbein-
figur von Johannes Otte erstanden werden.
Unmittelbar nach dem Waffenstillstand, der infolge
der erzwungenen Abgabe namentlich venezianischer
Gemälde an Italien eine schwere Finbuße für die Ge-
näldegalerie brachte, setzt eine Erwerbungstätigkeit
an, die weit über alleshinausgeht, was an der Gemälde-
zalerie während des ganzen 19. Jahrhunderts in
lieser Richtung geleistet worden ist; sie wurde
Jurch die Hingabe von Depotbildern ermöglicht und
durch die gesteigerte Verkaufsmöglichkeit während
der Inflationszeit begünstigt. Schenkungen und Legaten
ind nennenswerte Bereicherungen zu verdanken. Der
Zemäldegalerie sind auf diese Weise etwa SO
3ilder zugewachsen: die österreichische Ab-