Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

ausgebrochen war, stand es um die Künstler vorerst 
nicht so schlecht als man hätte erwarten können. Es 
begann der ungeheuere Ausverkauf, die Epoche der 
Inflation. Kriegsgewinner ließen sich neu einrichten; 
sie wollten Sachwerte erwerben und kauften Bilder 
und Statuen; Verarmte mußten sich von ihrem Besitz 
trennen. Eine völlige Umschichtung des Kunstgutes 
begann; Kunsthandel und Auktionswesen wucherten 
So üppig wie nie zuvor. Wenn diese Hausse an der 
Kunstbörse sich auch vorwiegend auf Antiquitäten und 
alte Kunstwerke erstreckte, so profitierten auch die 
lebenden Künstler davon. Eine Unzahl von neuen 
Kunstvereinigungen tauchte auf, meist von extrem 
radikalem Charakter und äußerst kurzer Lebens- 
dauer: die „Geistig-Tätigen” (Ausstellung im 
L Stockwerk des Künstlerhauses (1910), die „Freie 
Bewegung”, der „Regenbogen”, „Das neue 
Auge”, der „Sonderbund”, „Der Ring”, „Die 
Wage” und andere. Sehr vielversprechend das 
Debut der „Neuen Vereinigung”, die sich später 
im „Hagenbund” auflöste. Ein Kuriosum die Aus- 
stellung des gefürchteten kommunistischen „Volks- 
wehrbataillons 41” in dessen Lokal in der Märzstraße 
(Mai 1919), wo neben tendenziösem Dilettantentum 
einige erstaunliche Naturbegabungen auffielen. Das 
Gegenstück dazu eine „Protestausstellung”, von 
einer Anzahl meist jüngerer und zum Teil schon be- 
kannter Künstler gemäßigt-moderner Richtung ver- 
anstaltet, deren Werke von den Juries der großen 
Vereinigungen gelegentlich einmal zurückgewiesen 
worden waren. Sie hatten sich durch höchst ent- 
Schiedenes Auftreten gegenüber den maßgebenden 
Behörden ein geeignetes Lokal zu sichern verstanden, 
das Palmenhaus im ehemaligen Kaisergarten. Das 
war der Anfang der wenige Monate später gegrün- 
deten „Kunstgemeinschaft”, die sich seither sehr 
Tespektabel entwickelt hat. Andere Vereinsgründungen 
folgten: der „Segantinibund” (I92D, die 
»Donauländischen Künstler” (1921), später die 
‚Weiße Insel”, die „Döblinger Künstler”. 
ichnliche Frrscheinungen zeigten sich in den Provinzen. 
“Ort entstanden der „Wassermann” (Salzburg), 
die »Innviertler Künstlergilde”, die „Wachauer”, 
die «Marchfelder”, die „Klosterneuburger”; 
mn Graz bildete sich eine „Secession” (19925), die 
»Tiroler Künstler” schlossen sich zusammen. Den 
aindenzen unserer Zeit entsprechend wurde ein Ver- 
„Deutsche Frauenkunst”, gegründet, der 
a Senüher der bestehenden „Vereinigung bilden- 
er Künstlerinnen Oesterreichs” die radikal- 
a Tendenzen vertrat. Solche Gruppenbildungen 
hier arakteristisch für die ganze Epoche von der wir 
eine pe rechen. Ihre Ursache ist — leider! — nicht 
da ers üppige Kunstblüte; vielmehr die wirt- 
ine 1 e Not und die Schwierigkeit für den ein- 
Broßen Künstler, der keiner von den anerkannten 
en Vereinigungen angehört. vor die Oeffentlich- 
zeit zu gelangen, irgendwie Beachtung zu finden, 
vährend dies einer‘ Gruppe, einem Verein viel eher 
zelingt. . 
Die alten Künstlervereinigungen, Genossen- 
‚haft, Secession, Hagenbund, Kunstschau 
ısw. waren ebenfalls nicht müßig. Bereits im Sep- 
‚ember 1021 erschienen alle wieder auf dem Plan; 
usammen mit einigen der vorhin genannten neu- 
zegründeten Vereine zählte man damals 13 Aus- 
tellungen zu gleicher Zeit — viel zu viel für das 
»hnedies nicht große und schwer zu interessierende 
Wiener Kunstpublikum. Nun begann man nach 
iebenjähriger Absperrung auch ausländische Werke 
rorzuführen. Die Kunstgemeinschaft brachte den 
“alienischen Verein „Chiaro di luna”. (1921), die 
‚ünstlergenossenschaft eine Kollektion Brangwyn 
1922), Tschechen und Ungarn erschienen im Hagenbund 
ınd im Künstlerhaus; desgleichen die Münchener; 
'päter arrangierte die Secession — wie schon erwähnt — 
:ine Polnische und eine Schwedische Ausstellung. 
"ine „Gesellschaft zur Förderung moderner 
Kunst” trat ins Leben; sie debütierte mit einer 
schau von Werken Hanaks (1023), veranstaltete 
ın Jahr später eine „Internationale Ausstel- 
ung moderner Kunst” im Künstlerhaus, ferner, 
n Verbindung mit der „Association francaise 
lExpansion et d’Echange artistiques”, eine 
Ausstellung französischer Expressionisten und ver- 
vandter Kunstrichtungen in denselben Räumen (1926), 
;owie Darbietungen ähnlicher Art im österreichischen 
Yuseum für Kunst und Industrie. 
Wir können hier nur nennen, was uns in irgend 
ziner Art besonders charakteristisch erscheint; daß 
vährend dieser ganzen Zeit die üblichen offiziellen 
”rühjahrs-, Herbst- und Weihnachtsausstellungen der 
‚rößeren und kleineren Vereinigungen stattfanden, 
nanche darunter reich beschickt und auf tatsächlich 
ıohem Niveau, sei gern anerkannt. Außerdem feierten 
‚Secession” und „Hagenbund” ihren 25 jährigen 
zw. 30 jährigen Bestand durch entsprechende Ver- 
ınstaltungen. Auch der „Dürerbund”, die älteste 
<ünstlervereinigung Wiens (seit 1851) jubilierte während 
lieses Zeitraumes. Alles von dieser Art aufzuzählen 
würde das Bild nur verwirren; wir begnügen uns, 
larauf hinzuweisen, daß auch außerhalb Wiens, vor 
ıllem in Graz, in Salzburg, aber auch in Wiener- 
Neustadt, Baden, St. Pölten und anderen Städten 
ınd Orten, jetzt häufiger als früher, Kunstausstel- 
'ungen veranstaltet wurden. 
In den ersten Jahren hatte dieses Getriebe etwas 
Gewaltsames, Fieberisches. Nach und nach lenkte es 
n ruhigere Bahnen ein. Aber immer noch steht seine 
Intensität in umgekehrtem Verhältnis zu der Anteil- 
ı1ahme, die es im Publikum weckt und zu dem 
nateriellen Erfolg. Das war auch nicht anders zu 
zrwarten. Auf keinem Gebiet zeigt sich die Verarmung 
ler Bevölkerung so kraß, wie auf diesem. denn ge-
	        
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