der künstlerischen Aktionsfähigkeit des Institutes mit
sich gebracht. Neuengagements und Pensionierungen
waren auf ein bedenkliches Minimum gesunken und
auch die Physiognomie des Hauses zeigte ein auf-
fallendes Nachlassen des ehemaligen Glanzes. Trotz-
dem gab es noch Abende, wie die Erstaufführung
der Wiener Fassung von „Ariadne auf
Naxos” (4. Oktober 1916), die nicht nur durch ihre
anerhörte Besetzung (Kurz, Jeritza, Lehmann
usw.), sondern auch durch den Prunk ihrer In-
szenierung einen fast beängstigenden Kontrast zu den
solitischen und sozialen Vorgängen bildete.
Es bleibt ein unvergängliches Verdienst der Über-
gangsbehörden, daß sie sich mit allen zur
Verfügung stehenden Kräften und Mitteln
und fast darüber hinaus für die Erhaltung
der Oper in ihrer ganzen Größe und Herr-
lichkeit einsetzte: Nur mit ihrer weitschauenden
Unterstützung war es möglich, daß bereits im Herbst
I919 die von aller Welt angestaunte Uraufführung
der „Frau ohne Schatten” stattfinden konnte.
Dieser war schon im Frühjahre eine Aufführung von
Pfitzners,Palestrina” vorausgegangen. Mit diesen
Werken erfuhr das Repertoire der Oper dauernde
und wertvollste Bereicherung.
In diesen ersten Nachkriegsjahren wurde der
Weltruf der Wiener Oper vor einem aus aller
Herren Länder herbeigeströmten Publikum aufs neue
begründet; ja man kann kühn behaupten, daß ihr
künstlerisches Ansehen erst in dieser Zeit seine
jetzige Höhe erreichte. Die unmittelbare Folge
jievon waren einige Auslandsgastspiele, die
n der denkbar befriedigendsten Weise verliefen.
Parallel hiemit gingen freilich auch einige weniger
arfreuliche Veränderungen. Die einstige ‘wetterfeste
Stabilität des Ensembles konnte trotz aller Anstrengun-
gen nicht mehr erhalten werden. Der allgemeine
Yaluten- und Erwerbshunger hat‘in einem noch nie
lagewesenen Grade schließlich auch viele Künstler
des Hauses, und gerade die wertvollsten, ergriffen.
Sogar eine zweimalige mehrmonatliche Ab-
wesenheit des schlechterdings unersetz-
lichen Orchesters mußte ertragen‘ werden. Die
Besetzungen der allerwichtigsten Repertoire-Opern
nußten viel häufiger als je in früheren Zeiten einem
Wechsel unterzogen werden, dessen künstlerische
Schädlichkeit nur durch eine Unsumme von Sonder-
arbeit halbwegs paralysiert werden konnte und der
Erweiterung und Ergänzung des Spielplanes geradezu
»hantastische Schwierigkeiten in den Weg legte.
Dennoch kann mit starker Befriedigung festgestellt
werden, daß die Oper in ihrer künstlerischen Würde
ınd Leistungskraft in diesen letzten zehn Jahren keine
Einbuße erlitten hat. Publikum und Künstler dürfen
zu gleichen Teilen stolz darauf sein, daß eine un-
endlich schwere Epoche des Kampfes und der Sorgen
glücklich überwunden ist. Sie müssen sich aber auch
bewußt sein, daß nur ein starkes Zusammen-
wirken aller Kräfte und die Hintanhaltung aller un-
befugten und unkünstlerischen Einflüsse und klein-
lichen Hemmungen für die nächsten zehn Jahre
ein gleiches Ergebnis verbürgen können.
Phot. Österr. Lichtbildstelle
Staatsoper, Blick gegen die Bühne
ACC