gerichtet. Aber konnte so günstige Konjunktur nicht
vorübergehen? Sie ging vorüber.
Jedenfalls hatte sich das Haus bereits mit der Urauf-
führung eines neuen bedeutenden Werkes von Richard
Strauß „Die Frau ohne Schatten” bewähren, beim Wiener
Musikfest von 1920 erfolgreich betätigen können. Oester-
reichische Komponisten wie Schreker („Die Gezeichneten”),
Weingartner („Meister Andrea” und „Dorfschule”), Korn-
gold („Die tote Stadt”) kamen zu Worte, dazu Puccini
mit seinem neuen, „Mantel”, „Schwester Angelica”,
‚Gianni Schicchi”. umschließenden Operntryptichon. Neu-
studierungen von „Lohengrin”, „Cosi fan tutte” traten
günstig hervor. Im Spieljahr 1021/1922 war Richard Strauß
allerdings auch noch durch eine amerikanische Tournee
entführt worden, so daß seine Tätigkeit auf dreieinhalb
Monate zusammenschrumpfte. Aber auch in dieser
Zeitspanne wirkte sein berühmter Name, betätigte sich
der Dirigent, der Komponist in reichem Maße. In eben
dieser Zeitspanne machten sich aber auch bereits abträg-
liche Eigentümlichkeiten der Repertoirebildung markanter
als vorher geltend und drückten, da eine Persönlichkeit
wie Richard Strauß auch in der Zeit seiner Abwesenheit
Entschlüsse und Aktionen bindet, der gesamten Spielzeit
ihren Stempel auf. So beschränkte sich das Novitäten-
programm auf Kienzls bereits in der Volksoper gespielten
„Kuhreigen” als halbe und Richard Strauß’ einaktiges
Ballet „Josefslegende” als ganze Novität; Reprisen mehr
dem Namen nach blieben „Fliegender Holländer” und
„Verkaufte Braut”, schließlich auch noch die „Meister-
singer”. Eng mit der Sängerherrschaft zugkräftiger
Künstler wirkte das Urlaubswesen zusammen: beides eine
Folge der Vorherrschaft der Straußopern, der kurz-
Iristigen Verträge und garantierten Spielabende. Insbe-
sondere schuf Gleichzeitigkeit der Urlaube Besetzungs-
schwierigkeiten, Bedrängungen des Repertoirs. Kost-
spieliges Gästewesen wurde das unvermeidliche Korrelat.
Zbenso unvermeidlich mußte das Starwesen den Vorrang
vor dem Ensemblegeist erlangen. Fine‘ wertvolle Aktiv-
post bedeutete dagegen die Heranziehung des Re-
doutensaales als Filiale des großen Hauses, in der
reizvolle Aufführungen des „Figaro”, des „Barbier” er-
quickten, obwohl der schöne Raum des Gnadengeschenkes
der Akustik entbehrte. Aber auch die Hauptniederlassung
schenkte Abende, wie sie unter der Einwirkung des
genius loci, des das Haus noch immer durchströmenden
“luidums von Geschmack und alter Kultur von keiner
anderen Opernbühne der Welt übertroffen werden
konnten. Und unter diesen Abenden standen jene voran,
da Richard Strauß als Dirigent, zumal des „Tristan”,
seine Genialität voll wirken, sein auch im Nachschaffen
schöpferisches Musikfeuer rückhaltlos aufflammen ließ.
Bei solchen Anlässen fühlte man, daß es nur einer
Kursänderung bedürfte, damit dem Operntheater voller
Segen durch einen Meister erwüchse, der wie keiner die
vielleicht wichtigste und wertvollste Opernbühne über
bedrängte Zeiten hinwegzuführen, desorganisierenden
Tendenzen entgegenzuarbeiten, das alte Meistergut' in
aller Reinheit zu erhalten und zugleich die moderne
Produktion zu fördern vermochte.
Diese Kursänderung wollte sich nicht in voll erwünschtem
Maße einstellen. Schon die Doppeldirektion, zumal mit
yefristeter Anwesenheit des hervorragendsten Teiles,
‚arg den Keim ‘zu inneren Unstimmigkeiten in sich.
Jauptsächlich aber enthüllte sich die Unverkürzbarkeit
ler obersten Mission eines großen schöpferischen
Ausikers, vollends Opernmusikers, er selbst zu bleiben
ınd seinem Werke zu leben. Er hat der Welt das schöne
Abenteuer der Oper”, wie es Goethe nennt, zu
chenken, nicht selber den Abenteuern des Opernbe-
riebes ausgesetzt zu sein. Gustav Mahler, fanatischer
‚heatermensch, in der Hingabe an Bühne und Bühnen-
‚erk glühend bis zur Selbstverbrennung, war ein Aus-
‚ahmsfall, ein psychologisches Wunder; und vielleicht
ıur darum, weil er bei Lebzeiten kein glücklicher, kein
ıngelangter, sondern immer nur ein ringender Kom-
»onist, dabei kein Opernkomponist gewesen. So mochte
lichard Strauß wie aus einer tiefinneren Notwendigkeit
les schöpferischen Genius heraus gehandelt haben, als
ar nach dem fünften Jahr seines Wirkens seinen Rück-
ritt erklärte. Dies allerdings in einem für Wien um so
ınvermuteteren Zeitpunkte, als es dem Meister gerade
ıoch in diesem Jahre zu seinem sechzigsten Geburtstage
eispiellose Ehrungen erwiesen, die Festglocken mit weit-
ın tönendem Klange geläutet hatte. Im gleichen Jahre
jatte das Operntheater noch ein von Wiener Luft
nspiriertes Ballett „Schlagobers” aus der Hand des
Meisters erhalten, das Theater- und Musikfest des
Tderbstes neben Glucks Don Juan-Ballett eine Bearbeitung
ron Beethovens „Ruinen von Athen”. Vielleicht ist es
»ei Verzeichnung eines historisch bedeutsamen Faktums
m Wiener Musikleben ein Gebot der Gerechtigkeit,
ıcht Legenden wuchern zu lassen, eine der mannigfachen
nrichtigkeiten und Irrungen richtigzustellen, die in die
ıeue Ausgabe von Max Steinitzers Biographie, Strauß’
Wiener Direktionsperiode betreffend, geraten sind. Der
3iograph spricht von einem „äußerlichen Sieg des Be-
ımtentums über den künstlerischen Genius”. Strauß’
lücktritt hatte seine causae remotae und seine causae
»roximae. Die entfernten, zugleich tief psychologischen
Jrsachen wurden bereits angedeutet. Der letzte Anstoß
ag aber darin, daß die Bundestheaterbehörde dem Ver-
angen des Meisters nach einem einjährigen Urlaub zur
\usübung der Reisedirigententätigkeit unter gleichzeitiger
Zestellung eines Direktorstellvertreters nach seinem
Yorschlage während dieses Urlaubes nicht willfahren
sonnte, zumal die sich beständig verschlechternde Finanz-
age Vorsicht gebot. In diesem pflichtgemäßen Verhalten;
n dieser Wahrung der Lebensnotwendigkeiten des In-
;titutes seitens des Beamtentums, das im übrigen der
Zedeutung des Meisters stets geziemend Rechnung g®-
ragen hatte, läßt sich keine Vergewaltigung des schöpfer!-
‚hen Genius erkennen. Der Konflikt war eben natürlich
zewachsen, um natürlicher Lösung zuzudrängen.
Ohne die Novitäten und Neustudierungen der Doppel-
ıirektionszeit mit der Umständlichkeit einer homerischer
schiffsliste verzeichnen zu wollen, sei noch der Frstauf-
ührungen von Schrekers „Schatzgräber” und Straußens
‚Der Bürger als Edelmann” im Redoutensaale, sowic
nit nachhaltigerem Erfolg von Puccinis „Manon Lescaut
zedacht. Von Julius Bittner fanden die Opern „Kohl-
haymerin” und „Rosengärtlein”, von Zemlinsky „Der
Zwerg” vorübergehende Unterkunft; nicht minder Franz
schmidts „Fredigundis”, die einer Auferstehung entgegen”