Fine dem Bundestheaterpräsidenten zu dankende neue,
fruchtbare Schöpfung war die Gründung der Theater-
gemeinden. Eine Institution, die sich als dauernder Ge-
winn erwiesen, dem Hause einen wichtigen Stock von
Stammbesuchern zugeführt hat. ;
Die Novitätenausbeute dieses ersten Jahres: der Fin-
akter „Sanktissimum” von Kienzl und „Das Bildnis der
Madonna” von Marco Frank; dann „Don Gil mit den
grünen Hosen” von Walter Braunfels. Werke, die nur
geringe Spuren im Repertoire zurück ließen. Außerdem
kleine Ballette für den Redoutensaal, darunter „Pulcinella”
von Strawinsky. Unter den Neustudierungen war Wolfs
„Corregidor” willkommen. Wir können trockenen Chro-
aistenton nicht vermeiden, scheuen ihn auch nicht. Und
so sei gleich das zweite Jahr erledigt, das zwei Finakter,
„Sganarell” von Groß und Bittners wertvolleres „Höllisch
Gold”, brachte; außerdem Poldinis bald verklingende
„Hochzeit im Fasching”, aber auch ein Werk von
Charakter wie „Boris Godunow” von Mussorgsky und
als Oper für das stets vorhandene Wiener Bedürfnis
nach italienischer Gesangsdramatik Giordanos „Andre
Cheniegr”. „Falstaff” in einer von dem Hamburger General-
musikdirektor Egon Pollak mustergültig vorbereiteten
Aufführung, „Fledermaus”,' „Rienzi”, „Freund Fritz” —
dieses Werk bei einem Mascagnigastspiel — wurden neu
aufgefrischt, die „Fledermaus” mit bleibendem fröhlichen
Erfolg. Dem Ensemble war mit Maria Nemeth eine große
Stimme zugewachsen.
Schon zu Ausgang dieses zweiten Jahres zeigten sich
diese Dinge zur Krise entwickelt. Immer deutlicher ent-
hüllte sich die Lage des Hauses; in einer Zeit wirtschaft-
lichen Niederganges, verfallenden Kunstlebens, ver-
Äachenden Geschmackes, beständigen Vordringens von
Schau- und Amüsierkunst in Kino, Operette, Revue, dazu
steriler oder haltlos in Experimenten befangener Neu-
produktion, auch eines Alterns und Welkens des ständigen
Opernrepertoirs wirkte sich jedes Versehen in Führung
und Betrieb um so empfindlicher aus. Ein streng mahnen-
der Bescheid des Obersten Rechnungshofes hatte zu noch
gesteigertem Sparen gedrängt. Um so schwieriger gestaltete
sich die Entente zwischen künstlerischen, administrativen
und finanziellen Zuständigkeiten. Zu jeder Anschaffung,
zu jedem Neu- oder Wiederengagement war ein zeit-
raubender Instanzenzug nötig geworden. In seiner Be-
Jrängnis hatte. sich der Direktor für den Fall seines
Abganges eine Aenderung, seines Vertrages gesichert.
Nun machte er von diesem Sprungtuche zur Rettung aus
dem brennenden Hause Gebrauch, bot. seine Demission
an. Wer auch noch so flüchtig die letzte Geschichte des
Operntheaters überschaut, kann die frappierende Tat-
sache nicht übersehen, wie richtig ursprünglich die Not-
wendigkeit der Beiziehung artistischer Mitarbeiter erkannt
und wie selbstmörderisch die Verwirklichung dieser Er-
kenntnis fallengelassen wurde. Schalks Demissionsgeste
gab, wenn auch leider nicht zu dieser lebenswichtigen
Maßnahme, so doch zur Schaffung eines neuen Amtes
Anstoß. Der Generaldirektor wurde geschaffen: ein kauf-
männisch geschultes Kontrollorgan, ein zugleich den
Instanzenzug vereinfachendes Zwischenglied.
Generaldirektor Schneiderhan, gutes, kunstsinniges
Wiener Bürgerblut und Mann von ruhigem, umgänglichem
Wesen, griff — wir sprechen bereits von der Saison
‘920-1927 — gleich in die Lohnkämpfe zu Beginn dieses
;pieljahres sänftigend ein. Er wußte auch zweifellos Be-
:heid darüber, wo zu bessern sei, kannte die Fehler der
)ängerverträge, das Verfahrene in der Dirigentenfrage.
5o nahm er auch sofort den gerissenen Draht mit Walter
ıuf, kam immer wieder auf Verhandlungen mit diesem
{ünstler zurück, um dann auch solche mit Clemens Krauß
mnzuknüpfen. Und als dieser zum Frankfurter Intendanten
ıerufene, begabte Wiener Musiker den angesprochenen
Jmfang seiner Vollmachten nicht durchzusetzen vermochte,
wuchs wenigstens ein mehrabendliches Operngastspiel
Wilhelm Furtwänglers aus den schwankenden Kom-
inationen. An sich keine Lösung des Problems; aber
ielleicht ein Schritt dazu, wenn Furtwängler, der gefeierte
aternationale Konzertdirigent, sein Herz für die Oper
iberhaupt, für das Wiener Operntheater im besonderen
‚ätte entdecken wollen. Das bedeutsamste Dirigiergast-
piel war aber bereits in das erste Jahr des neuen General-
lirektoriates gefallen, bestimmt, sich durch fünf Jahre
nit je zwanzig Abenden zu wiederholen. Dieses Gast-
piel bedeutete die Rückkehr Richard Strauß’ in das
)perntheater und bedeutete zugleich als befristetes
Nirken eines großen, größten, seine Werke persönlich
‚orführenden Opernkomponisten einen eminenten Aus-
ıahmsfall. Auch sonst schien in dieser ersten Zeit das
slück ins Haus einzukehren. Franz Schalk. hatte in
*uccinis nachgelassener „Turandot”, zumal in der Be-
etzung mit einen neuentdeckten Tenoristen, Jean
iiepura, eine Zugoper gefunden; eine wiederbelebte
’erdioper „Die Macht des Schicksals” schloß sich be-
ebend an. Als weniger begünstigt erwies sich allerdings
lie zweite Spielzeithälfte. Straußens meisterliches „Inter-
ı1ezzo” fand stofflich nicht das rechte Interesse, und
lindemiths konstruierter „Cardillac” versagte zur Gänze.
‚uch die Reprisen französischer Opernwerke, Massenets
Gaukler unserer lieben Frau”, St. Saens „Samson und
Jalila”, Adams „Postillon von Lonjumeau” verpuflten,
veil nicht zureichend vorbereitet, geleitet oder besetzt.
Dafür gestaltete sich eine Neustudierung und Neu-
nszenierung von „Fidelio” zur Beethovenfeier durdı
;chalks außerordentliche Dirigentenleistung und den
ıroßartigen Fidelio der Lotte Lehmann, die kurz vorher
uch im „Intermezzo” eine Leistung erster Ordnung ge-
ijefert hatte, zum wahren künstlerischen Ereignis. In
ler „Macht des Schicksals” betrat eine Novize, Margit
Angerer, zum allerersten Male die Bühne. Stimme und
"alent poetischer Darstellung rechtfertigten Mut ‚und
nitiative des Direktors.
Dafür hatte man allerdings eine Tenoristennot ein-
'eißen lassen, die das Repertoire einengte, wichtige
Werke zurückzustellen zwang. Diese Not ging auch in
las nächste Jahr über, das mit nicht ganz zureichenden
Aeprisen („Norma”, „Bezähmte Widerspenstige”) ein-
jetzte, wohl aber eine Reihe von Novitäten wie Strauß
‚Aegyptische Helena”, Korngolds „Wunder der Heliane”;
strawinskys „Oedipus rex” und Alfanos „Donna Imperia
rachte, leider auch mehr aus Kasserücksichten als in
Wahrung der Würde und Kulturmission des Hauses die
»latte Jazzoper „Johnny spielt auf”. Eben dieses Spieljahr
ührte das ganze Ensemble unter Schalks Leitung nach
’)aris, das den Aufführungen von „Fidelio” und „Tristan
ıroßen Erfolg bereitete. Notwendigerweise korrespon-