Neumayr, die KErzählerin Irma Wittek und als
führende Gestalterin Eugenie Delle Grazie waren schon
vor 1015 allgemein bekannt. Hans Brecka-Stiftegger,
Viktor Trautzl, Rudolf Henz, Siegfried Freiberg,
Siegmund Guggenberger, Hermann Mailler, Emmy
Gruhner, Ernst Felix Weiß, Hans Peischl, Hans Pit-
tioni, Viktor Buchgraber sind hier die jüngeren Namen.
Und die Frauendichtung? Es ist wohl nur noch
Ueberlieferung, daß der Begriff überhaupt noch be-
steht, so bunt läuft das Schaffen der Frauen und
Männer dem Publikum‘ durcheinander. Als stärkste
Frauenerscheinung in der Dichtung Oesterreichs mag
noch immer Enrica Handel-Mazetti gewertet werden,
die mit dem „Rosenwunder” und ihrem „Sand”- und
„Günther”-Roman auch im letzten Jahrzehnt noch viele
zehntausende neuer Leser gefunden hat. Dora Stockert-
Meynert und Helene Scheu-Ries waren schon vor
{917 bekannt, Emil Marriot als Vorkämpferin moderner
[Ideen im Vordergrund. Paula Grogger aber ist
in einem Jahr eine richtige deutsche Berühmtheit
geworden. Ihr „Grimmingtor” darf schlechthin .als
der bedeutsamste Heimatsroman des Jahrzehnts be-
zeichnet werden. Erika Spann- Rheinsch hat den
Ruhm, den sie schon vor 1014 besessen hat, in
starker Reife bewahrt, auch ganz neue Namen ver-
langen Beachtung: Ann Tizia Leitich, die mit ihrem
frischen Buch „Ursula entdeckt Amerika” etwas wie
sinen neuen Typus der deutschen Frau zu gestalten
gewußt hat, Ida Coudenhove, Margarethe Miltschinsky,
Gertrud Herzog-Hauser, Mela Hartwig, Erika Mitterer,
Oda von Schneider und noch manche „Ungedruckte”
die zunächst nur dem kennerischen Beobachter be-
kannt sind. Ganz für sich sei schließlich Albert von
Trentini genannt, auch, sein Werk widerstrebt ja
jeder Einordnung in eine Reihe. Sein Roman
„Goethe” zeigt schon mit dem Untertitel „Roman
der Erweckung”, wie sehr die dichterische Lebens-
arbeit seines Schöpfers sich um das Problem des
inneren Erwachens und der inneren Wandlung be-
wegt; er hat allgemeine deutsche Geltung erreicht.
Auch sein Epos „Das Paradies”, die religiöse Dich-
tung „Der Webstuhl? werden einmal zu den blei-
benden Ergebnissen dieses österreichischen Literatur-
jahrzehnts zählen. Trentini ist anläßlich seines
50. Geburtstages im Oktober 1028 Gegenstand großer
Ehrungen gewesen.
Damit ist ein erster großer Bogen von 1918 bis
1928 geschlossen; mehr als verständlich jedoch, daß
ein so gedrängter Ueberblickk nur andeuten und
aijemals wirklich „werten”, einzelnes beispielhaft her-
vorheben, niemals erschöpfen, ja kaum eine andere
Rolle als die eines raschen Schlagwort-Registers
üben kann und will. Denn zweifellos hat Oesterreich
aoch Dutzende zumindest möglicher Begabungen;
der Grillparzersche Vers über das besondere Ver-
hältnis des Oesterreichers zur Dichtung fällt uns
in: „Man lebt in halber Poesie, gefährlich für die
sanze und ist ein Dichter, ob man nie an Vers ge-
Jacht und Stanze ...” Gerade deshalb aber wird
vuch diese knapp beschriebene Reihe der aufs erste
yichtbaren vor den tieferen Hintergrund der noch
nöglichen, unausgeschöpften Begabung bereits in
Imrissen erkennen lassen, was eigentlich in der
iteratur Deutschlands und Europas die nächste
zeneration Oesterreichs bedeuten könnte. Wohin
zeigen in der deutschen Literatur die Wegweiser der
"ukunft? Zweifellos sucht man, um es summarisch zu
agen, nach den Erschütterungen der letzten Zeit
lie Literatur wieder nicht nur aus der „Aktualität”,
ondern aus einem Rhythmus mit größeren Takten
u begreifen. Die Schicksalsfragen der Nation und
les Menschen treten gleichsam in einer neuen
‚Realistik der Ewigkeit” vor der engeren Realistik
ler jeweiligen „Moderne” hervor. Auch vom Wort
vird über die artistische Bedeutung hinaus immer
{eutlicher verlangt, daß es den neuen „geistigen
_ebensraum” der Nation zu schaffen und zu um-
zrenzen vermöge. Man beginnt zu begreifen, daß
‚tärkere Macht des Wortes zuletzt größere Lebens-
nacht des Volkes bedeutete ...
Oft gesagte Binsenwahrheit, daß Deutschland
‚keine Literatur im westlichen vor allem
ranzösischen Sinn habe”. Das ist sehr tief begründet:
sind denn die Deutschen schon eine Nation im
vestlichen Sinn? Die Literatur als Lebensraum muß
ılso zugleich — und das hat seine‘ eigenste Bedeu-
ung — mit der Nation vollendet werden, die in
hm wirken soll. Zu dem einen wie dem anderen
»ringt der Oesterreicher schöpferische Kräfte be-
onderer Art mit. Von jeher war dem Oesterreicher
lie Poesie Ausdruck seines geschichtlichen Schicksals,
lenn er schöpfte sie aus seiner Landschaft, die es in
1öchster Deutlichkeit spiegelte. Deshalb war zu allen
ahrhunderten die beste österreichische Dichtung —
ene, die auf diese Landschaft horchte — weit mehr
lie geistige Wohnstätte des österreichischen Menschen,
veit hellsichtiger für die Zukunft als das Haus. das
gerade die Politik erbaute.
Um nichts anderes aber, als daß sich wirklich das
wahre Schicksal der Nation in seiner Literatur
ebendig ausdrückt, handelt es sich in der nächsten
Zukunft des deutschen Schrifttums. So bringt der
Jesterreicher in den größeren Raum der Sprache
aus eigenem Erlebnis glücklichste Voraussetzungen
ür das gemeinsame Werk mit. Und wie vielleicht
iberhaupt in der europäischen Politik ist das neue
Jesterreich, von dem wir reden, auch hier für die
leutsche Entwicklung nicht ein letzter geretteter Rest
Temden Gestirns, sondern nur ihr wieder in bildende
Erde eingesenkter Kern der Zukunft; jetzt erst wird
er die wirkliche volle Frucht seines Wesens erkennen
lassen.
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