Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

Wie bemerkt hat sich den älteren großen Chor- 
vereinigungen (Singverein der Gesellschaft der 
Musikfreunde) nunmehr die Oratorien-Vereini- 
gung und der Staatsopernchor angeschlossen. 
Alle pflegen die ernste Chorliteratur (Werke von 
Bach bis zur Moderne, wie Bittners Große Messe). 
Zu ihnen treten der Wiener Männergesangs- 
verein (Dirigent: Karl Luze) und der Wiener 
Schubertbund (Dirigent: Victor Kehldorfer), 
Körperschaften, die, je 500 Mitglieder zählend, für 
das Musik- wie das Kulturleben der Stadt bedeut- 
sam wurden (ihnen sind unter anderen viele 
Gedenktafeln an den Häusern der Meistern zu 
danken), und die eben darangehen, ihre Programme 
nach dem Muster deutscher Chorvereinigungen zu 
modernisieren. In dieser Hinsicht war das große 
Deutsche Sängerbundesfest in Wien (Juli 1928) mit 
seinen Riesenaufführungen in der Sängerhalle von 
segensreichem FKinfluß. 
Diesen Umriß zeigt die Konzertmusik in den 
letzten Jahren, jedoch darf eine neue Erscheinung 
Nicht unerwähnt bleiben, die in den der seriösen 
Musik vorbehaltenen Sälen seit etwa zwei Jahren 
aufgetaucht ist und sich festgesetzt hat. Es sind 
die Jazz-Orchester. Sie kamen unter verschiedenen 
Namen, verschiedenen Dirigenten, mit verschiedenen 
Instrumenten (The Orpheans, Sam Wooding und 
andre mehrere) und waren alle darin gleich: daß 
Sie vor dicht gedrängten Sitzreihen spielten und 
auch bei ihren zahlreichen Gegnern das Gefühl 
einer Konzertform zurückließen, die die Zeitmarke 
hat. Sie erweckten unerwartetes Interesse und zogen 
?in ganz neues Publikum heran. 
Das Orchester in seiner heutigen Zusammen- 
setzung ist (um einen Ausdruck des verdienstlichen 
Haydn -Biographen Hugo Botstiber anzuwenden) 
durch Josef Haydn normalisiert, das heißt, in seiner 
Form festgelegt worden. Es hat sich inzwischen 
erweitert, blieb aber auch in der Erweiterung bei 
der Strenge der Partitur-Vorschriften: mit wenigen 
Ausnahmen sind die Spieler an ihre Instrumente 
and die Bezeichnungen gebunden. Die Jazz-Musiker, 
und darauf beruht ein großer Teil ihrer sensatio- 
nellen Wirkung, setzen sich über diese Norm fast 
mit Selbstverständlichkeit hinweg. Die Instrumente 
Werden von den Spielern vertauscht, ja, aus den 
Spielern werden auch Sänger, mit einem Wort: 
das Stegreifartige, das Improvisatorische uralter 
Primitiver Kunstübung kehrt wieder zurück. Mit 
dieser musikantischen geht eine räumliche Unge- 
bundenheit Hand in Hand, die Spieler erheben sich 
ron ihren Plätzen, gehen umher, setzen sich wieder, 
ler Dirigent wendet sich ans Publikum, kurz die 
jisher festgehaltene starre Orchesterordnung wird 
aufgelöst, das fast Liturgische unsrer an den 
zottesdienstlichen Ernst streifenden Konzertveranstal- 
ungen wird durchbrochen. Wozu noch als er- 
‚egender Umstand für’ die Massen die Spannweite 
ler Empfindungen kommt, deren die Jazz-Orchester 
ähig sind: von der Opernparaphrase zum Volkslied, 
vom Sentiment zur Groteske, bis zum Ulk. 
So spiegeln sich im Wiener Konzertleben deutlich 
lie Kräfte der Zeit. Das Radio hat den Konzert- 
;älen Gruppen von Besuchern entführt, die Jazz- 
musik führt ihnen neue zu. Der wirtschaftliche 
Wiederaufbau Österreichs (darunter etwa der 
Wiederbetrieb der Stadtbahn) schafft neue Konzert- 
besucher, der wachsende Betrieb von Kino, von 
Sport, die neuen Ideale von Weekend, die laut 
oder leise ‚erotisch gefärbte Note des modernen 
Lebens, zieht andre ab. 
Als positives Ergebnis der letzten Entwicklung 
läßt sich die bleibende, überlieferte Geschmackshöhe 
les Publikums feststellen. Wohin der Betrieb weiter 
führen wird, zu einer Krise oder wie manche Kreise 
ınnehmen, einer Konzert- Dämmerung läßt sich 
nicht sagen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammen- 
hang der Versuch Arnold Schönbergs, dem Betrieb 
sine Gegen-Organisation entgegenzustellen. Er grün- 
dete 10109 einen „Verein für musikalische Privat- 
ıufführungen”, worin die Werke von Reger, Strauß, 
Mahler, Ravel, Debussy gepflegt wurden, und zwar 
so, daß in. einem Konzert dasselbe Werk zweimal, 
oder in mehreren aufeinanderfolgenden Konzerten 
ein und dasselbe Werk gespielt wurde, und zwar 
gewöhnlich in einer Klavierbearbeitung, damit die 
Orchesterfarben nicht die Struktur verkleiden. Das 
Hauptgewicht lag auf den massenhaften Proben, 
ınd mit alledem wurde ein Gegenbild gegen das 
Geschäfts - Konzert geschaffen, das Proben der 
Kosten wegen nicht liebt. Die Hörer sollten höhren 
lernen, zur Musikempfängnis erzogen werden. Mit 
der Berufung Schönbergs nach Berlin löste sich der 
Verein auf, und, wenn man will, so wird er in 
gewissem Sinn von ‚der rührigen Österreichischen 
Sektion des Internationalen Vereins für neue Musik 
fortgesetzt, die Erstaufführungen racdikaler Musiker 
veranstaltet (Hindemith, Krenek, Berg, Webern, 
Respighi, Malipiero). Auch diese Gruppe gehört in 
das (hier mehr skizzierte als ausgeführte) Bild 
der alten Musikstadt Wien in den letzten zehn 
Jahren. 
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