Aus der Kolonne „Gold” ergibt sich, daß die
Österreichische Nationalbank auch daran arbeitet,
ihren Goldbesitz sukzessive in ein angemessenes Ver-
hältnis zu ihrem Devisenbesitz zu bringen; doch
denkt sie selbstverständlich nicht daran, die Gold-
devisenwährung, welche sich bisher vorzüglich be-
währt und als für die österreichischen Verhältnisse
besonders geeignet erwiesen hat, zugunsten einer
reinen Goldwährung aufzugeben.
Die aus der Tabelle zu entnehmende günstige
Entwicklung der Notendeckung ergab sich bei un-
anterbrochener Aufrechterhaltung des von‘ der
Österreichischen Nationalbank bald nach Beginn
ihrer Tätigkeit gewählten Verhältnisses zum ameri-
kanischen Dollar ($1.— = zirka K 71.060). Im Hin-
olick auf diese faktische Stabilität konnte auch
bald an die gesetzliche Festlegung dieser Relation
zum Dollar und dadurch zum Golde geschritten
werden, was mit dem Gesetz vom 20. Dezember 1024,
BGBl. Nr. 461, durch Schaffung der neuen Schilling-
währung geschah; nach dieser werden einerseits:
10.000 Kronen einem Schilling und andererseits wird
ein Schilling 0°2072 Gramm Feingold gleichgestellt,
was dem == tel Teil des in einem amerikanischen
Dollar enthaltenen Feingoldgewichtes, also der seil
18. Mai 1923 festgehaltenen faktischen Relation, ent-
spricht. Hiemit wurde die Periode der Irrungen una
Wirrungen der alten Öösterreichisch-ungarischen
Währung für die Republik Österreich endgültig ab-
geschlossen und das Währungswesen auf eine neue
und gesunde Basis gestellt. Die Überführung der
alten in die neue Währung hat sich dank dem glück-
lich gewählten und einfachen Umrechnungsschlüssel
rasch und reibungslos vollzogen und insbesondere
auch die bei solchen Gelegenheiten immer drohende
Gefahr von Preisabrundungen nach oben auf das
geringstmöglichste Maß herabgedrückt. Wenn einzelne
besonders konservative Köpfe trotzdem auch heute
aoch in „Hundert Millionen“-Kronenbeträgen rechnen,
so muß dies überraschen; denn es ist nicht nur das
Rechnen mit so großen Zahlen offenbar höchst un-
bequem, sondern es kann mit solchen Kronenbeträgen
auch kaum eine klare Wertvorstellung verbunden
werden, da sich der Wert der Krone doch seit dem
Jahre 1914, und insbesondere in der Zeit von 1018
bis 1023, unausgesetzt verändert hat.
Nicht so glatt und befriedigend wie die währungs-
politische hat sich die preis- und kreditpolitische Ent-
wicklung gestaltet. In ersterer Beziehung ergab sich
eine Steigerung der Lebenskosten, wenn wir diese in
Gold rechnen und hiebei Juli 1014 mit I00 veran-
schlagen, von 89'°5 im September 1022 auf zirka
123'2%) im August 1928, wobei im Jänner 1925 ein
1) Obiger Angabe liegen die Daten des Bundesamtes für
Statistik zugrunde. Da mit 1. Jänner 1926 die Grundlagen der
Ermittlung geändert wurden und der Index hiedurch eine Ver-
minderung um zirka 15 Punkte erfuhr, sind die nach diesem
Höchststand von 128 erreicht worden war; die ana-
ogen Daten der Schweiz lauten 156, 170 und IOL.
In den österreichischen Ziffern kommt die bereits er-
wähnte Tatsache zum Ausdrucke, daß das inländische
Preisniveau während der Inflationszeit stärker zurück-
zeblieben war und sich nach Wiedereinfügung der
5sterreichischen Wirtschaft und des österreichischen
Währungswesens in den internationalen Verkehr
zwangsläufig den Weltmarktpreisen annähern mußte.
Der noch immer bestehende Unterschied ist einer-
zeits auf den bei uns als dem einzigen Staate Europas
noch fortbestehenden Mieterschutz zurückzuführen,
lurch welchen die Lebenskosten — allerdings zu
Lasten ungeheurer Kapitalsentwertungen und sonstiger
Wirtschaftsschädigungen — um etwa 12 bis 18% nied-
iger ausgewiesen sein dürften, als sie sich ohne den
Ylieterschutz stellen würden; andererseits erklärt sich
lieser Unterschied aber auch aus der Verarmung
ınseres Landes und dem hiedurch bedingten niedrigen
standard of life, der viele anderwärts als unentbehr-
ich betrachtete Bedürfnisbefriedigungen entfallen zu
assen zwingt und daher in niedrigeren Lohn- und
Gehaltszahlungen Ausdruck finden kann. Immerhin
scheint nunmehr eine gewisse Stabilisierung auch des
'nländischen Preisniveaus erreicht zu sein, da das
‚jetzige Preisniveau jenem, das schon im Spätherbst
1924 erreicht und später überschritten wurde, gleicht
und sich schon über ein Jahr fast unverändert erhält.
Auf kreditpolitischem Gebiet führte die Über-
spekulation, die sich während des Jahres 1023 an
der Wiener Börse entwickelt hatte, im Frühjahre 1024
zu einem großen Zusammenbruch, der zu einer starken
Frschütterung der gesamten Kreditorganisation des
„andes und zu einem auch heute noch fortdauernden
Jarniederliegen des Effektenmarktes führte. Aus-
wärtige Kritiker haben versucht, diese Erscheinungen
nit dem Stabilisierungskurs der Krone in Zusammen-
1ang zu bringen. Meines Erachtens sind diese Er-
;cheinungen jedoch lediglich als Nachwirkungen der
'nflation und der durch sie geschaffenen Mentalität
weiter Bevölkerungskreise zu betrachten. Der rasche
Wechsel des Geldwertes während der lange dauern-
len Inflationszeit hatte kaufmännisches Rechnen un-
nöglich und jedes Geschäft zu einer Spekulation
gemacht; kein Wunder daher, daß weite Kreise der
Bevölkerung kaufmännische Überlegungen überhaupt
verlernt und sich den reinen Spekulationsgeschäften
zewidmet haben, bei welchem die raschere geistige
Anpassungsfähigkeit an die voraussichtliche Geldmarkt-
situation allein über den Erfolg entschied und der
agilere Händler gegenüber dem zu lange an den alten
Preissätzen festhaltenden Verkäufer stets im Vorteil
—- oder wenigstens scheinbar im Vorteil — war. Die
;pekulative Betätigung des Publikums wurde noch
Zeitpunkte publizierten Indexzahlen hier um 15 Punkte erhöht
worden, wodurch ein für die vorliegende Übersicht hin-
‚eichender Genauigkeitsgrad erreicht sein dürfte.