weiter durch die in der Inflationszeit entstandene
starke Vermehrung der Banken und Bankgeschäfte
begünstigt, die nur in der Durchführung von Devisen-
und Effektenspekulationen eine Existenzmöglichkeit
finden konnten und daher in jeder Weise zu diesen
Geschäften ermunterten. Die zu Ende des Jahres
1022 erreichte Stabilität des Geldwertes, — welche
zwar gezeigtermaßen noch keine Preisstabilisierung
brachte, aber doch die bisher üblichen sprunghaften
Preisveränderungen ausschloß, — hat natürlich diese
ängebürgerten naiven Grundlagen geschäftlicher Be-
tätigung zerstört, doch wurde diese Veränderung der
Sachlage teils außer Acht gelassen, teils aber un-
richtig gewertet. Auf der einen Seite sehen wir eine
vOrtdauer der aus der Inflation stammenden Über-
schätzung der „Sachwerte“ (mit Einschluß der Aktien!)
und der Vernachlässigung der Rentabilitätserwägun-
zen, so daß weder die Höhe der zu bezahlenden
Schuldzinsen, noch des wahrscheinlichen Ertrages in
Rücksicht gezogen wurde. Auf der anderen Seite
machte sich aber vielfach auch eine Überschätzung
der Stabilisierung geltend, man glaubte von derselben
die Heilung aller wirtschaftlichen Schäden erwarten
zu dürfen, während unsere wirtschaftlich ungünstige
Lage doch auch aus der eingetretenen allgemeinen
Verarmung und namentlich aus der Zerreißung des
irüheren einheitlichen Wirtschaftsgebietes entspringt.
In diesen psychologischen Momenten scheint mir die
Börsenhausse des Jahres 1023 begründet zu sein,
wobei als weiteres Moment vielleicht noch angeführt
werden könnte, daß Österreich das erste Land war,
das zur Sanierung seiner zerrütteten Währung ge-
angte, so daß Erfahrungen über die Wirkungen der
Währungsstabilisierung, die den Nachbarländern
3päter aus dem Beispiel Österreichs zur Verfügung
standen, noch nicht vorlagen.
Die Österreichische Nationalbank, deren Kredit
den schon von der Österreichisch-ungarischen Bank
übernommenen hohen Zinssatz von 9% bedang und
für Börsenzwecke überhaupt nicht in Anspruch ge-
nommen . war, hatte kaum wirksame Mittel in der
Hand, die Börsenspekulation einzudämmen; so nahm
das Schicksal seinen freien Lauf: Trotz verzweifelter
Versuche der Hausse-Spekulanten, ‘unter Bezahlung
enormer Taggeldsätze ihre Position aufrecht zu er-
halten, kam es nach dem Zusammenbruch der miß-
glückten Baisse-Fngagements in französischen Francs
‚m Frühjahre 1024 zu einem allgemeinen Sturz der
Börsenkurse, welche viele Banken und Bankgeschäfte
aötigte, sogleich oder im Laufe der folgenden Monate
Ihre Insolvenz zu erklären. Auch das Publikum
arlitt große Verluste teils direkt an seinen Fffekten-
engagements teils indirekt an seinen Spareinlagen,
lie von den in Zahlungsschwierigkeiten geratenen
Bankgeschäften nicht zurückgezahlt werden konnten;
die Folge hievon war eine weitreichende Erschütterung
des Vertrauens und eine allgemeine Abkehr von der
Jörse, woraus sich eine sehr empfindliche Finschrän-
ung der Börsenumsätze und damit auch der Banken-
ätigkeit ergab. Da auch das den Kreditinstituten
ar Verfügung stehende FEinlagenkapital gegenüber
anem der Vorkriegszeit, in Gold gerechnet, bedeu-
and niedriger ist (die Einlagen bei den Banken be-
rugen am 31. Dezember 1924 nur etwa 9°0% des
tzten Friedensstandes) erwies sich der während der
nflationszeit bedeutend vergrößerte Apparat der
jsterreichischen Kreditorganisation nunmehr als viel
‚u groß; sowohl die Zahl der Unternehmungen, als
lie Zahl der in den verbliebenen Unternehmungen
jeschäftigten Personen mußte gegenüber der Inflations-
‚eit einer starken Verminderung unterzogen werden.
Nunmehr dürfte jedoch die Anpassung des Kredit-
»rganismus an. die bescheidener gewordenen Verhält-
1isse des neuen Österreich zum Abschlusse gelangt sein,
Für die Österreichische Nationalbank machte sich
lie Börsenkrise dadurch fühlbar, daß aus Anlaß und
um Zwecke der Liquidierung derselben von allen
Seiten Kreditansuchen an sie gestellt wurden. Es kam
‚ur Anforderung größerer Devisenbeträge, die zur
lückzahlung der einzelnen Banken gekündigten Aus-
andskredite benötigt wurden; und da die Devisen
eilweise nur durch Einreichung von Wechseln be-
zahlt werden konnten, ergab sich gleichzeitig mit der
Verringerung der Devisenbestände eine starke Erhö-
ung des Wechselportefeuilles, also eine Verschlech-
‚erung des Deckungsperzents der Zirkulation.. Als
Gegenmaßnahme wurde eine Erhöhung der Bankrate
auf 12 und vorübergehend sogar auf 15%, durch-
zeführt, die jedoch bald wieder rückgängig gemacht
werden konnte. Es betrug die Bankrate:
| Perzente !
9
12
‘5
13
u
10
9
8
75
7
65
6
7
65
In der Zeit von
Li. Jänner 1923 — 4. Juni 1924 . . & ;
5. Juni 1924 — 12. August 1924 . .
13. August 1924 — 5. November 192
5. November 1924 — 24. April 1925
25. April 1925 — 23 Juli 1925 .
24. Juli 1925 — 2. September 1925 .
\, September 1925 — 27. Jänner 192f
„8. Jänner 1926 — 30. März 1926
31. März 1926 — 6. August 1926
7, August 1926 — 17. Jänner 1927
‚8. Jänner 1927 — 4. Februar 1927
5. Februar 1927 — 20. Juli 1927 .
21. Juli 1927 — 24. August 1927 .
25. August 1927 — 27. Jänner 1928
RR Tlänner 19298 — 16. Iuli 1028
Ab 17. Juli 1928 beträgt die Bankrate 6'5%.
Um den durch die Krise auch im Auslande ent-
;tandenen Besorgnissen, ob die österreichische Wäh-
‚ung ihren Auslandswert werde behaupten können,
antgegenzutreten, wurde im Herbst 1924 das Devisen-
‚ostgeschäft aufgenommen, das heißt es wurde er-
nöglicht, gegen Bezahlung einer mäßigen perzentuellen
Vergütung gleichzeitig mit dem Verkauf von Devisen
den gleichen Betrag an Devisen auf Zeit zurück-