Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

b) Fremdenverkehr. Bei Ermittlung der Ein- 
nahmen aus dem Fremdenverkehr (Reisen von Aus- 
ändern in Österreich) wurde die übliche Methode 
angewendet: Erhebung der Ausländerlogiertage durch 
Multiplikation der Fremdenankünfte (auf Grund der 
imtlichen Statistik) mit der anzunehmenden durch- 
Schnittlichen Aufenthaltsdauer (für die Jahre 1923 und 
1024 — 55 Tage), dann Ermittlung der KEin- 
üahmen durch Multiplikation der Ausländerlogier- 
iage mit dem durchschnittlichen Tagesaufwand 
von in Österreich reisenden Ausländern. Bei dieser 
Methode ist freilich eine unvermeidliche Fehlerquelle 
darin begründet, daß Ausländer, die im Verlaufe 
einer Reise in verschiedenen Orten nächtigen, als 
mehrfache Ankünfte gezählt und jedesmal die durch- 
Schnittliche Aufenthaltsdauer angerechnet wird; doch 
dürfte diese Fehlerquelle teilweise durch nicht regi- 
Strierte Übernachtungen ausgeglichen werden. Als 
durchschnittlicher Tagesaufwand wurde für 1023 ein 
Betrag von 25 Schilling, für 1924 von 28 Schilling 
ünd für die folgenden Jahre 30 Schilling angenommen. 
Die Erhöhung gegenüber dem in der Vorkriegszeit 
angenommenen Betrag von 15 Goldkronen entspricht 
den Änderungen des Lebenshaltungsindex. Der „un- 
sichtbare Export” ?) (Mitnahme von im Inland gekauften 
Waren durch ausreisende Fremde), wird in der Weise 
ber ücksichtigt, daß zu diesem durchschnittlichen Tages- 
aufwand eines Auslandsfremden ein Drittel dazu- 
Seschlagen wird. Dieser Zuschlag ist als Durchschnitts- 
ziffer in Anbetracht. der Bedeutung, die dem unsicht- 
baren Export gerade in Österreich zukommt (vergleiche 
die Bemerkungen zur Post I) sicher nicht zu hoch. 
Zu den so ermittelten Finnahmeziflern kommen noch 
die Ausgaben von Ausländern, die sich des Studiums 
dalber in Österreich aufhalten. 
Für die Ermittlung jener Summen, die Österreicher 
bei Reisen im Ausland verausgaben (Passivseite des 
E remdenverkehres), gab es in den ersten Jahren der 
Beobachtungsperiode überhaupt keine Anhaltspunkte, 
da entweder nur lückenhaftes Material zur Verfügung 
Bestellt wurde oder in den betreffenden Auslands- 
staaten eine Fremdenverkehrsstatistik überhaupt noch 
licht eingerichtet war. Eine bescheidene Besserung ist 
seit 1025 zu verzeichnen. Indes können auch die seit- 
her von einigen Staaten gelieferten Daten, da sie auf 
Vollständiekeit ebenfalls keinen Anspruch erheben 
?) Unter „unsichtbarem Export” werden häufig die unsicht- 
aren Aktivposten der Zahlungsbilanz zusammengenommen 
verstanden, also nicht bloß — wie in dieser Darstellung — der 
sichtbare Warenexport. So faßt die englische Statistik die 
“innahmen aus Veranlagungen in Übersee, den Verdienst der 
Yationalen Schiffahrt (einschließlich der Auslagen fremder Schiffe 
N britischen Häfen), Vermittlergewinne und Einnahmen aus 
anderen Dienstleistungen als „exportations invisibles” zusammen. 
Der hiefür veranschlagte Betrag übersteigt, da England zu den 
3lüclichen Ländern mit „aktiver Zahlungsbilanz” zählt, den 
Betrag der Importüberschüsse, also das Passivum der Handels- 
bilanz erheblich. 
:önnen, nur als Untergrenzen des Österreicher-Ver- 
‚ehres in den betreffenden Ländern gewertet werden. 
Ja in diesen Mitteilungen vielfach Angaben über die 
lurchschnittlichhe Aufenthaltsdauer oder den durch- 
onittlichen Tagesaufwand fehlten, mußten die An- 
saben durch Schätzungen ergänzt werden. Dadurch 
inktihr ziffermäßiger Wert noch mehr. Jedenfalls dürften 
lie nachstehenden Daten nur Minimalziffern darstellen. 
Mit diesen Vorbehalten betrugen die von Öster- 
‚eichern in einzelnen Auslandsstaaten im Reiseverkehr 
zemachten Ausgaben: 
in Deutschland, Schweiz, Jugoslawien, Tschechosl. Republik 
in Millionen Schilling 
025 123 87 ; 
[926 13'8 6°09 0’5 13°2 
1927 154 
Über den passiven Österreicher-Verkehr in Frank- 
‚eich und Italien, der in den letzten Jahren nicht un- 
‚rheblich gewesen sein dürfte, war es nicht möglich, 
;rauchbare Daten zu erlangen. Wir schätzen unter 
Zenützung der gegebenen Anhaltspunkte den von 
Ssterreichern im gesamten Ausland gemachten Aufwand 
m Durchschnitt der letzten Jahre auf 50 bis 60 Millio- 
1en Schilling. - 
Abschließend sei bemerkt: Zeigt schon die in unserer 
Tabelle ausgewiesene Einnahmenziffer des Jahres 1927 
ine sehr beträchtliche Steigerung gegenüber dem Vor- 
ahre,so dürfte diese im Jahre 1028 noch bedeutend größer 
‚ein. Die Hotels und die sonstige Fremdenindustrie sind 
‚on dem Geschäftsgange dieses Jahres sehr befriedigt. 
‘iner der ersten Wiener Hotelfachmänner veranschlagte 
len Betrag, der aus dem Fremdenverkehr des Jahres 
1027 Wien allein zugute kam, auf 132 Millionen Schilling. 
Da der Wiener Fremdenverkehr in den ersten sieben 
Monaten 1028 eine Steigerung um 14'4°% erfahren 
ıat, kann mit Eingängen aus dieser Quelle in der 
Jöhe von rund 152 Millionen Schilling gerechnet wer- 
len. Der Fremdenverkehr ist also zweifellos für Öster- 
‚eich eine sehr hoffnungsvolle Aktivpost der Zahlungs- 
‚ilanz. Welche Bedeutung dem Fremdenverkehr in 
#sterreich im Verhältnis zu anderen Ländern zukommt 
ınd wie sehr er entwicklungsfähig ist, mag aus fol- 
zenden Daten ersehen werden: Die Einnahmen der 
Schweiz aus dem Fremdenverkehr wurden im Jahre 
1926 auf 260 Millionen Schweizer Franken geschätzt. 
Die Schweiz deckt mit den Einnahmen aus dem 
Premdenverkehr zirka 40% ihres Handelsbilanzdefi- 
its, Österreich bei Zugrundelegung einer Nettoein- 
1ahme von 200 Millionen Schilling 20%. Im Hin- 
»lick darauf, daß die Schweiz ein Fremdenverkehrs- 
and par excellence darstellt, wogegen Österreich dem 
Fremdenverkehr doch erst seit verhältnismäßig kurzer 
Zeit mehr Aufmerksamkeit widmet, fällt der Vergleich 
{ür Österreich nicht ungünstig aus. 
Von Interesse dürften in diesem Zusammenhang noch 
olgende vergleichende Daten sein: Im. ersten Halb- 
fu
	        
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