Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

DIE ENTWICKLUNG DER SPARKASSEN SEIT 1918 
Von Dr. Hans Stigleitner, Sekretär des Reichsverbandes deutscher Sparkassen in Österreich. 
Nach dem Zerfall der Öösterreichisch-ungarischen 
Monarchie verblieben auf. dem Gebiete der heutigen 
Republik Österreich 210 Sparkassen, von welchen im 
Laufe der Jahre sechs von anderen Sparkassen als 
Zweigstellen übernommen und drei mit Bankinstituten 
vereinigt wurden. Zwei Sparkassen mußten infolge der 
hohen Verwaltungskosten in der Zeit der Inflation der 
Liquidation zugeführt werden. Demgegenüber wurden 
erst im verflossenen Jahre zwei neue Sparkassen im 
Burgenland errichtet, da dieses neue Bundesland keine 
Sparinstitute nach dem Sparkassenregulativ, sondern 
lediglich auf ungarischem Rechte beruhende Aktien- 
;parkassen aufzuweisen hatte. Demgemäß beträgt die 
vesamtzahl der in Österreich derzeit bestehenden re- 
Zulativmäßigen Sparkassen 201. ; 
_ Der Verfall der österreichischen‘ Währung zog die 
Sparinstitute stark in Mitleidenschaft, da das ihnen zur 
Verfügung stehende FEinlagenkapital zwar ziffernmäßig in 
Kronen stets weiter anwuchs, dem inneren Werte nach 
jedoch auf einen Bruchteil des Wertes der im Jahre 1913 
verwalteten Einlagengelder zusammenschmolz. Während 
die heute auf dem Gebiete der Republik Österreich be- 
stehenden Sparkassen im Jahre 1913 einen Finlagenstand 
Von 2.962,226.461'— Goldkronen aufwiesen, betrug der 
Öinlagenstand mit Ende des Jahres 1918 4.681,000.000'— 
Papierkronen, das sind 1.491,000.000°— Goldkronen 
Ider 50% des Vorkriegsstandes. In den weiteren Jahren 
vollzog sich diese Entwertung des KEinlagenstandes in 
5pPrunghafter Weise. Wiewohl in der zweiten Hälfte 1922 
die Stabilisierung der Währung in Angriff genommen 
wurde, dauerte die Kronenflucht bei den Sparkassen 
Invermindert an, so daß sich deren Einlagen im 
September jenes Jahres auf ungefähr 2—2'/ Millionen 
Goldkronen belaufen haben dürften, was einem Ver- 
lältnis von etwa 0°08% des Einlagenstandes 1913 ent- 
;pricht. Damit hatte die Vernichtung des Sparkapitals 
jeinen Höhepunkt erreicht, denn schon die kommenden 
Monate brachten als erste Auswirkung der Maßnahmen 
der Regierung zur Stabilisierung der Währung ein neues 
"rwachen der Spartätigkeit. Ende 1922 war die Einlagen- 
Vernichtung, welcher die Sparkassen während dieses 
Jahres des stürmischesten Währungsverfalles ausgesetzt 
Sewesen waren, gegenüber dem Jahresbeginn nahezu 
wieder ausgeglichen, da sich ihr Verwaltungsvermögen 
auf 0,163.000‘— Goldkronen (0’31% des Standes 1913) 
erholen konnte. In dieser Zeit bildet für die Sparkassen 
die Frage, wie sie die Regien verdienen könnten, die 
Schwerste Sorge. Während die Einlagen ihrem Goldwerte 
%ach auf einem Bruchteil gegenüber der Friedenszeit ge- 
3unken waren, hielt sich die Regie nahezu auf Goldhöhe. 
Die Sparkassen waren daher vielfach gezwungen, ihre 
stillen Reserven, die vor allem in Hausbesitz und in 
lationalstaatlichen Wertpapieren bestanden, zur Deckung 
der Betriebsauslagen heranzuziehen. Während die Spar- 
Kassen im Jahre 1913 ein Gesamterträgnis von ungefähr 
'95% einschließlich des staatlichen Ertrages der Reserve- 
fonds erzielt hatten, von welchem 0°45% für Verwal- 
tungsauslagen und Steuern Verwendung gefunden hatten 
ınd 0°50% als Reingewinn verblieben waren, betrug im 
'ahre 1922 der Gesamtertrag 26% der Finlagen, von dem 
»4°% durch Unkosten und Steuern aufgezehrt wurden, so 
laß nur ein Reingewinn von 2% verblieb. 
Um nun einerseits ihre Einnahmen zu erhöhen, 
ındererseits auch einem damaligen Bedürfnis der Be- 
-ölkerung Rechnung zu tragen, verlangten die Spar- 
‚assen vor allem das Recht, gewisse indifferente Ge- 
chäfte, wie den kommissionsweisen An- und Verkauf 
‚on kotierten Wertpapieren und von Valuten und De- 
:isen, tätigen zu dürfen. Der Zwang, entsprechend dem 
‚eänderten Einlagenverkehr auch das Aktivgeschäft 
ınders zu gestalten, und die dadurch bewirkten höheren 
Jmsätze auf der Aktiv- wie auf der Passivseite führten 
lie Sparkassen zu dem Geschäft in laufender Rechnung 
ınd ließen es als zweckmäßig erscheinen, Kredite nur 
‚egen jederzeitige, sofortige Kündigung ohne Bindung 
ıuf lange Fristen zu erteilen. 
Das Handwerk, der kleinere und mittlere Handel und 
lie kleineren Industrien hatten in der Vorkriegszeit im 
ıllgemeinen nicht viel fremde Mittel zur Führung ihrer 
Zetriebe benötigt. Für ihre Bedürfnisse waren ihre her- 
zebrachten Kreditquellen ausreichend. 
Infolge der Geldentwertung und des Umstandes, daß 
lie Waren jeweils zu höheren Preisen nachgeschafft 
verden mußten, büßten diese Unternehmer den größten 
’eil ihres Vermögens ein und waren daher genötigt, 
remde Geldhilfe zur Weiterführung ihrer Betriebe in 
‚rhöhtem Maße in Anspruch zu nehmen. Gerade aber 
ür diese Kreise waren keine entsprechend starken 
Creditorganisationen vorhanden, so daß es verständlich 
ırscheint, daß sie sich den Sparkassen wegen Befriedi- 
zung ihres Kreditbedürfnisses zuwandten, Diese Um- 
;tellung des Sparkassengeschäftes, die sich in 
len ersten Jahren nach dem Kriege herausgebildet hatte, 
and schließlich auch im Jahre 1922 die behördliche 
Zenehmigung. Vor allem dieser Anpassungsfähigkeit der 
;parkassen, die trotz der Neuaufnahme dieser Geschäfte 
lie vorgeschriebene Sicherheit bei Veranlagung der 
;pargelder in keiner Weise abgeschwächt haben, ist es 
‚u verdanken, daß sie trotz der fast vollständigen Ver- 
ırmung durch die Geldentwertung ihren Betrieb aufrecht 
«rhalten konnten. 
Im Jahre 1924 hatten die Sparkassen 14'8% ihrer Ein- 
agen im Hypothekardarlehensgeschäfte, 47’3°% in statuten- 
aäßig bedeckten Kontokorrentkrediten und 5‘7% in Wech- 
‚eln veranlagt. Die Bankanlagen betrugen 279%, der 
Cassastand 2'2%, während der Rest in Krediten an Ge- 
neinden, Kreditvereine, Wertpapieren, Realitäten und 
;onstigen Werten angelegt war. Aus dieser Tatsache ist 
ırsichtlich, daß die langfristige Veranlagung in der Zeit 
ler Geldentwertung und den nächsten ihr folgenden 
Jahren der kurzfristigen Begebung von Krediten hatte 
veichen müssen. Vor dem Kriege waren 61% auf Hypo- 
hekardarlehen, 7% auf Gemeindedarlehen, 17% auf das 
Wechselgeschäft, 232% auf Lffektenbesitz und Wert- 
yapierbelehnung, 5% auf Bankanlagen und nur 0°6% auf 
lien Kassenstand entfallen.
	        
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