Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

sowohl das Betriebskapital als auch die Ersparnisse des 
Landwirtes größtenteils durch die Inflation verloren 
gingen. All diesen widrigen Verhältnissen trotzend 
begann die Landwirtschaft ihren Wiederaufbau. 
Weitere Aufsätze dieses Werkes werden im ein- 
zelnen zeigen, welche Fortschritte in der Vermehrung 
und Vervollkommnung der Produktion erzielt wurden. 
Hier seien nur einige Ziffern angeführt, die ein an- 
schauliches Bild von der Steigerung der Produktion 
der‘ wichtigsten pflanzlichen Produkte geben. 
«ci © . 
Ernteerirag 
\NDaU- | ————m —— 
Ha ım 
76 ganzen | pro 
x ha 
1928 3) | 
Ernteertirag 
ANDat- | —m m —0m—————— 
© ım 
fläche ganzen / pro 
ha ha 
Weizen .... 160.445 1,393.318! 8:71204.300| 3,281.000! 161 
loggen .... [311.357 2.692.274. 8:6 383.300 4.868.000) 12:7, 
Gerste. .... 108.106] 928.466/ 9°0|148.000| 2,554.000| 17:3 
Tafer ...... 261,883 EN 7:1 [310.500| 4,304.000| 13:9 
Zuckerrüben . | 8.622 1,695.296,196°6 || 28.200| 7,055.000/250:2 
Kartoffeln ..‘115.007| 5,797.387| 50:4 188.700/20,875.000 1104 
Kleeheu. ... 0200 3,731.767| 25:5 1226 700/12,650.000| 55:8| 
Wiesenheu . . 1980.65522.086.814! 22:5 045.20034.530.000 365 
N | l 
) Ohne Burgenland. ?) Letzte Erntevorschätzung. 
Wie aus dieser Tabelle ersichtlich, ist die Ver- 
Mehrung der Getreideerzeugung eine sehr erfreuliche. 
Das Jahr 1928 brachte allerdings infolge der anhalten- 
den Trockenheit in Hackfrüchten und Futterpflanzen 
geringere Erträge als das Jahr 10927. Bei normaler 
Durchschnittsernte in diesen Produkten decken wir 
gegenwärtig annähernd 40% des Weizenbedarfes, 
annähernd 85% des Roggenbedarfes und ins- 
Zesamt an Brotgetreide gegen 70%. In Gerste 
kommt der Aufschwung besonders darin zum Aus- 
druck, daß unsere hochwertige Braugerste nicht 
üaur von den heimischen Brauereien gerne gekauft 
wird, sondern auch bereits ihren Weg ins Ausland 
zefunden hat. Besonders muß der enorme Aufschwung 
des Zuckerrübenbaues hervorgehoben werden, der 
in allen mitteleuropäischen Ländern die Grundlage 
Siner intensiven Bewirtschaftung bildet. Während wir 
in der Kampagne 1919/20 nicht mehr als 7%, des damals 
stark herabgedrückten Verbrauches decken konnten, 
and es heute schon über 60%. Von der Einfuhr 
ausländischer Kartoffeln sind wir mit Ausnahme der 
Frühkartoffel nicht nur unabhängig geworden, sondern 
in den letzten Jahren konnte sogar an die Errichtung von 
Brennereien geschritten werden, wo Ueberschüsse ver- 
arbeitet und in der Schlempe ein hochwertiges Futter- 
Mittel erzeugt wird, was wieder die Möglichkeit gibt, 
hochwertiges Mastvieh im Inland zu erzeugen. 
Der Aufschwung der tierischen Produktion läßt 
Sich schwer ziffernmäßig erfassen. Die letzte Vieh- 
ählung vom Jahre 1923 zeigte schon eine erfreuliche 
Auffüllung der Bestände. Wichtiger aber als die Zu- 
nahme der Zahl der Tiere ist die Verbesserung der 
Qualität, also ihrer Leistungsfähigkeit. Auf dem Ge- 
biete der Viehzucht kann man sagen, daß der Stand 
der Vorkriegszeit schon weit überschritten ist. Wohl 
produzieren wir infolge des Mangels an Kraftfuttermittel 
ıoch zu wenig Fleisch, aber auch hier haben sich 
lie Verhältnisse wesentlich gebessert. Es mangelt die 
Zentabilität infolge der Konkurrenz des billiger pro- 
Juzierenden Auslandes, das über billige Massenfutter- 
nittel verfügt. Eine deutlich aufsteigende Entwicklung 
1at die Produktion von Milch- und Molkereiprodukten 
zenommen. Noch mehrere Jahre nach Kriegsende 
konnten wir die Einfuhr von Kondensmilch nicht 
entbehren. Heute decken wir unseren Milchbedarf 
vollkonımen ausreichend. Die Zufuhr von Milch aus 
dem Auslande, und zwar aus dem Neuauslande, das 
in der Vorkriegszeit bedeutende Quantitäten nach 
Wien geliefert hatte, hat fast ganz aufgehört. Und 
loch entfällt auf den Kopf der Wiener Bevölkerung 
zumindest die gleiche Menge Milch wie vor dem Kriege. 
\uch der Import von Molkereiprodukten zeigt eine 
;tark sinkende Tendenz. Bald werden wir auch auf 
diesem Gebieie gänzlich unabhängig sein. 
Zur MHustration der zunehmenden Intensivierung 
der landwirtschaftlichen Betriebe sei nur noch an- 
zeführt, daß der Verbrauch an Kunstdünger, der im 
iahmen des alten Oesterreich speziell in unseren 
\lpenländern sehr gering war, eine sehr große Zu- 
1ahme aufweist. Stieg doch der Verbrauch an Kali, 
7hosphat- und Stickstoffdünger von rund 83.000 
Tonnen im Jahre 1923 auf über 134.000 Tonnen im 
lahre 1027. 
Das wichtigste Problem der. Gegenwart und Zu- 
sunft besteht darin, daß diese erfreuliche Entwicklung 
einen Rückschlag erfahre, sondern entsprechend den 
‚orhandenen günstigen Möglichkeiten weiter fort- 
schreitet — möglichst bis zur Selbstversorgung in den 
vichtigsten Produkten. Dies ist nur dann durchführ- 
»ar, wenn die Rentabilität gesichert ist. Die Renta- 
»ilität hängt von den Produktionskosten einerseits 
ınd von den Preisen, die der Landwirt für seine Er- 
r‚eugnisse erhält, anderseits ab. Die Preisentwicklung 
ıber war für die Landwirtschaft keine günstige. 
Nährend, wie jede diesen Gegenstand betreffende 
statistik zeigt, die Preise nahezu aller Artikel, die der 
"‚andwirt für seinen Betrieb oder für seinen Haushalt 
raucht, um 40 bis 50% höher sind als in der Zeit 
‚or dem Kriege, ist der Index der Preise für land- 
wirtschaftliche Produkte viel weniger gestiegen. Diese 
Erscheinung tritt in allen europäischen Ländern mehr 
oder minder zutage. Bei uns ist sie besonders emp- 
ändlich, da wir der Konkurrenz von Nachbarstaaten, 
die unter günstigeren Verhältnissen und mit weit 
ı1iederen Produktionskosten arbeiten, ausgesetzt sind. 
Daher ist ein ausreichender Schutz unserer Landwirt- 
schaft für ihre Fortentwicklung, die noch so viele 
Wöglichkeiten bietet, unumgänglich notwendig. 
Wenn man sich nun frägt, worauf diese Erfolgein der
	        
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