Full text : 10 Jahre Wiederaufbau

LS ar oltm,

berief ihre regulären .Truppen und Gendarmen aus
dem Lande ab. Trotzdem weigerte sich die Österreichische
 Regierung, das für den 3. Oktober vorbereitete
 Uebergabsprotokoll zu fertigen, da eine solche
VUebergabsformalität sich solange als illusorisch erwiesen
 hätte, als sich das Land in Händen der
Banden befand. [Am 1 Oktober begannen dann die
Vermittlungsverhandlungen in Venedig, an denen
ınter dem Vorsitz des italienischen Außenministers
Varchese de la Torretta als Vertreter Oesterreichs
Bundeskanzler Schober und als Vertreter Ungarns
Vinisterpräsident Graf Bethlen und Minister des
Aeußeren Graf Bänffy teilnahmen. Im Laufe dieser
Verhandlungen gab der italienische Außenminister unter
Berufung auf ein Einverständnis mit der französischen
ınd der britischen Regierung in der deutlichsten Weise
zu erkennen, daß ein Kompromiß, welches der Sachage
 nach nur in einem Entgegenkommen Oesterreichs
iegen konnte, gefunden werden müsse und daß ein
\blehnen eines solchen Entgegenkommens von Seite
Jesterreichs eine erhebliche Verstimmung der Entente
hervorrufen müsse, eine Verstimmung, welche auf die
m Zuge befindliche Kreditaktion nicht ohne Einfluß
bleiben würde. Unter diesen Umständen sah sich
Bundeskanzler Schober gezwungen, einem Protokoll
zuzustimmen, in dem Ungarn sich verpflichtete, die
Räumung des gesamten burgenländischen Gebietes
durch die Banden durchzusetzen, während Oesterreich
zustimmte, daß acht Tage nach erfolgter Pazifizierung
des Gebietes in Oedenburg und den umliegenden
 Dörfern eine Volksabstimmung abgehalten
werde, von deren Ausgang die endgültige Zuteilung
lieser Gemeindegebiete abhängen sollte. Die Verhand-‚ungen
 von Venedig hatten alsbald ein gewisses Abıehmen
 der Bandentätigkeit im Burgenland zur Folge,
während andererseits eine immer hefligere ungarische
Propaganda zu konstatieren war. Auch die monarchistische
 Agitation verschärfte sich.
In diese Situation fiel der zweite Restaurations-‚ersuch
 des früheren Monarchen. Am 21. Ok-;ober
 landete in Oedenburg ein Flugzeug, welches den
irüheren König und die Königin nach Ungarn zurück-„rachte.
 An der Spitze der Truppen des Majors
Ostenburg, welche bis dahin unter den Befehlen
der Generalskommission den Ordnungsdienst in Oedenyurg
 versehen hatten, rückte der König gegen Budapest
 vor. Bei Budaörs kam es zu einem Gefecht,
in dem die Truppe Karls geschlagen und das Königspaar
 gefangengenommen wurde. Es wurde unter englischer
 Bewachung außer Landes gebracht, nachdem
über energisches Finschreiten der großen und der
kleinen Entente die ungarische Nationalversammlung
ain Gesetz über das Aufhören der Herrschaft Karls IV.
und das Erlöschen der Thronfolge des Hauses Habsburg
 angenommen hatte.
Nach Liquidierung dieses zweiten Restaurationsversuches
 begann die Erregung im Burgenlande allmäh-‘ich

 abzuflauen. In der ersten Novemberwoche wurden
lie Banden zurückgezogen und schon am 13. No-‚ember
 1921 begann die Landnahme durch das öster-‚eichische
 Bundesheer. Die Besitzergreifung wurde in
zwei Etappen vollzogen. Alles im Staatsvertrag von
St. Germain ‚Oesterreich zugesprochene Land, mit
\usnahme des Plebiszitgebietes, wurde bis am 4. Dezember
 planmäßig und ohne Störung hesetzt.
Die Botschafterkonferenz hatte inzwischen bereits
las Protokoll von Venedig genehmigt und-drängte auf
‚ascheste Durchführung der Volksabstimmung. Die Abstimmung
 wurde für den 14. Dezember angesetzt. Da sich
edoch trotz steten Drängens der österreichischen Rezierung
 die Ankunft interalliierter Truppen zur Aufechterhaltung
 der Ordnung und Sicherung der Frei-1eit
 der Abstimmung stark verzögert hatte, ermächtigte
lie Botschafterkonferenz die Generalskommission, die
Abstimmung auf den 18. Dezember zu verschieben.
Jie Generalskommission hielt jedoch dessen ungeachtet
dem/ursprünglichen Termin fest. Da es demnach schien,
Jaß die Abstimmung unter Umständen vor sich gehen
;ollte, die auch den primitivsten Anforderungen an Unarteilichkeit
 nicht genügten, zog die Bundesregie-‚ung
 ihre Abstimmungskommissäre zurüc
ınd beteiligte sich nicht an der Abstimmung, welche am
4. und 16. Dezember stattfand. Ktwa 35 Prozent
ler Stimmen entfielen trotz allem auf Oesterreich.
Ungeachtet des mit zahlreichen Beilagen versehenen
>rotestes Oesterreichs anerkannte die Bot-;chafterkonferenz
 die Abstimmung und ordnete die
Jebergabe des Gebietes an Ungarn mit I. Jänner
022 an.
Günstiger als zu Ungarn entwickelten sich die Beziehungen
 während des Jahres 1921 zu den übrigen
Vachfolgestaaten, so besonders zur Tschechoslovakei.
 Am 2. Februar fand gelegentlich einer Reise des
schechoslovakischen Außenministers Dr. Benesch. nach
om und Paris auf österreichischem Boden eine Zujaammenkunft
 zwischen Dr. Benest- und dem öster-'‚eichischen
 Bundeskanzler Dr. Mayr statt. Der bei
lieser Gelegenheit gepflogene Meinungsaustausch erzab
 eine weitgehende Uebereinstimmung der beiden
;taatsmänner, nicht nur im Hinblicke auf die politische
„age Mitteleuropas, sondern auch auf die Notwendigzeit,
 in freundschaftlicher Zusammenarbeit die wirtschaftlichen
 Beziehungen zwischen beiden Ländern zu
ördern. In den nächsten Monaten wurden die im
Gange befindlichen Verhandlungen betreffend den
Abschluß eines Handelsübereinkommens energisch
‚ortgeführt und schon am 4. Mai konnte ein Vertragstext
 unterschrieben werden. Im August des Jahres
1921, kaum zwei Jahre seit dem Abschluß des Vertrages
 von St. Germain, fand eine Entrevue zwischen
den Staatsoberhäuptern der beiden Republiken
 statt. Auf der Rückreise von einem Erholungsaufenthaltim
 Süden unterbrach Präsident Masaryk
in Hallstatt seine Reise, um den Bundespräsidenten
            
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