der Erzielung besserer Preise für die Milch im Schleich-
handel verzichteten.
Die Erholung nach dem Kriege ging nur langsam
von statten, das schlechteste Jahr war das Jahr 1919, wo
die Einlieferung nach Wien nur 28 Millionen Liter
betrug. Erst mit Auflassung der unseligen Zwangswirt-
schaft ist ein rascher Aufschwung zu bemerken. Aller-
lings trat infolge der politischen Verhältnisse manche
‘iefgreifende Veränderung in der Produktion
ein. .
Selten wohl in der Weltgeschichte war ein Land ge-
1ötigt, seine Produktionsgrundlagen so rasch und gründ-
ich umzustellen wie Oesterreich in der Nachkriegszeit.
Zinst die alte Öösterreichisch-ungarische Monarchie, ein
autarker Wirtschaftskörper, wie es wenige mit ähnlich
günstiger Verteilung von Produktion und Konsum in
Zuropa gab, und nach dem Krieg ein kleines Land, los-
gerissen von allen bisherigen Produktions- und Konsum-
verbindungen, durch Zollmauern von Gebieten getrennt,
lie einst ihre Produkte hier regelmäßig zu Markte
brachten und durch ähnliche Zollmauern gehindert, die
m Lande erzeugten Güter auf die gewohnten Märkte
zu bringen. Das südliche Mähren und Ungarn, die früher
als Milchanlieferungsgebiete für Wien eine große Rolle
spielten, gehören jetzt zu fremden Staaten, in denen sie
ıllerdings den nötigen aufnahmsfähigen Markt für ihre
Milchprodukte nicht finden, so daß dieser Zweig der
„andwirtschaft in diesen Gebieten zum Absterben ver-
ırteilt war. In Oesterreich dagegen begann man sich
allgemein auf die Milchwirtschaft umzustellen. Um den
Bedarf im eigenen Lande zu decken und da der Wein-
und Körnerbau keinen Gewinn lieferte, begann der
Landwirt sein bisheriges Stiefkind, die Milchwirtschaft,
nit ihren regelmäßigen und verhältnismäßig sichern
"innahmen zu intensivieren. Gutes Zuchtvieh wurde
aus der Schweiz eingeführt. die Kuhzahl stieg rasch auf
lie Vorkriegshöhe, die Leistung der Tiere wurde
ystematisch gehoben. Der Gesamtviehstand Oesterreichs
yeträgt jetzt etwas über I Million Stück, die Gesamt-
nilchproduktion 2'/, Milliarden Liter jährlich. Schon vom
ahre 1924 an war die Inlands-Milchproduktion
mstande, den Bedarf vollkommen zu deden.
diesem Umstande Rechnung tragend, wurde mit Bundes-
zesetz vom 5. September 1024 ein Einfuhrzoll auf
lilch geschaffen, der dann im weiteren Verlauf noch
rhöht und auf andere Milch- und Molkereiprodukte
‚usgedehnt wurde, jedoch an den Preis gebunden er-
«heint, so zwar, daß der Zoll aufgehoben wird, sobald
lie überwiegende Menge der nach Wien angelieferten
1ilch einen bestimmten Preis überschreitet. Durch diese
"ölle vor der Konkurrenz des Auslandes geschützt, stieg
lie Inlandsproduktion weiter an, so daß jetzt schon in
ıtterreichen Jahren von einer Ueberproduktion an Frisch-
nilch in Oesterreich gesprochen werden muß, die aller-
lings durch die nunmehr im Zuge befindliche Gründung
on genossenschaftlichen Ausgleichsmolkereien
lurch die Landes-Landwirtschaftskammern
nit Hilfe des Völkerbundkredites in die richtigen Bahnen
ler Erzeugung von Butter, Käse und anderen Molkerei-
rodukten gelenkt wird. In Niederösterreich allein wurden
n den letzten zwei Jahren zwölf derartige, nach den
nodernsten Fıfahrungen eingerichtete Molkereien er-
ichtet. Es wurde eine eigene Landesmarke für
Jutter eingeführt und die Bestrebungen gehen dahin,
las Passivum unserer Handelsbilanz, in welcher für das
'ahr 1927 der Butterimport mit I'9 Millionen Kilogramm
m Werte von 9 Millionen Schilling und der Käseimport
nit 3 Millionen Kilogramm im Werte von 7'3 Millionen
xchilling erscheinen, wenigstens in diesen Produkten, zu
verringern und womöglich in Butter und einzelnen Käse-
‚orten exportfähig zu werden.
Die Zahl der Genossenschaften nahm nun
auch rapid zu. In Nieder-
österreich allein wurden in
den letzten fünf Jahren 130
neue Milchgenossenschaften
gegründet. In Graz wurde
eine große, genossenschaft-
liche Zentralmolkerei mit über
ganz Steiermark verzweigten
Untergenossenschaften und
Filialmolkereien geschaffen,
ebenso in Kärnten, Tirol
und Vorarlberg Genossen-
schaftsmolkereien,Buttereien,
Käsereien und .genossen-
schaftliche Verkaufsverbände
gegründet. Die Niederöster-
reichische Molkerei in Wien,
welche während der Kriegs-
zeit nur unter den größten
Opfern und durch Verkauf
von Gemischtwaren in ihren
Filialen den Betrieb aufrecht
erhalten konnte, vergrößerte
sich auf 50 Millionen Liter
Jahresumsatz und vereinigt
derzeit 156 MitgliedsgenoS-
(;esamtansicht des Betriebsgebäudes der Molkerei Aschbad
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