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nismäßig günstiger Lage. Daß Bremen als das zweitwichtigste
Ausfalltor des Reiches seinen Warenumsatz in diesem Zeitraum
nicht zu vergrößern vermochte, bedeutet mehr als Stillstand, be
deutet direkten Rückgang. Bremen schien unheilbarem Siech
tum verfallen.
Da bringt das Jahr 1888 mit den kräftig einsetzenden Ar
beiten der Weserkorrektion und dem Zollanschluß die sehnlichst
erwartete Besserung. Schon im nächsten Jahre ist ein Mehr von
über 200 Milhonen Mark zu verzeichnen. Wenngleich gelegent
liche Rückschläge nicht ausblieben, hielt die günstige Entwick
lungsrichtung seitdem im allgemeinen doch an. In den 15 Jahren
nach 1888 hatte sich der Verkehr schon verdoppelt, 1907 war er
auf das ß^fache desjenigen von 1888 gestiegen. Neben den
oben erwähnten beiden Gründen ist zweifellos auch die unter
Caprivi’s Führung 1893 einsetzende mitteleuropäische Handels
vertragsära von günstigem Einfluß gewesen, da sie dem Handel
Ruhe und Stetigkeit für längere Jahre verbürgte. Besonders
das letzte Jahrzehnt stand unter einem günstigen Stern. Die Flut
welle, die jetzt auch stolze Überseedampfer an die Stadt bringen
konnte, weckte tausendfältig neues Leben. Immer neue Lösch-
und Liegeplätze mußten gebaut und bereitgestellt werden. Erst
jetzt erwachte die alte Stadt, rang sich aus kleinstädtisch — mittel
alterlicher Verträumtheit los und ist eine moderne Handelsstadt ge
worden, die ihre Flagge stolz in den fernsten Meeren zeigt. Nicht
umsonst hat Bremen mit ungeheuren Kosten alle die Anlagen
geschaffen, die vom In- und Auslande mit Recht bewundert
werden.
Freilich ist bei der freudigen Genugtuung über die Steige
rung der Werte des Warenhandels eins in Betracht zu ziehen.
Das ist der Umstand, daß das Geld in den letzten Jahrzehnten
entwertet ist, daß jetzt seine Kaufkraft weit geringer ist als bei
spielsweise noch vor dreißig Jahren. Diese Entwertung hält noch
immer an. Wann sie zum Stillstand kommen wird, läßt sich noch
nicht sagen. Es ist hier nicht der Ort und liegt auch außer
halb des Bereichs der Möglichkeit, schon jetzt, wo wir noch mitten
im Wirbel dieser Bewegung dahingerissen werden, anzugeben,
welches ihre eigentlichen Ursachen sind und insbesondere, in
welchem Umfange sie Platz gegriffen hat. Daß aber das Geld
(ebenso wie im Anfänge des vorigen Jahrhunderts) gegenwärtig
einen scharfen Entwertungsprozeß durchmacht, ist eine nicht weg
zuleugnende Tatsache. Selbstredend ist diese Erscheinung nicht