wählten Regierung Seipel stand die Gründung
einer eigenen Notenbank, welche die Stabilisierung
der Währung dadurch ermöglichen sollte, daß die
Regierung sich verpflichtete, vom Tage deren Gründung
an keine ungedeckten /Neten/ mehr in Anspruch zu
nehmen. Für die Vebergangszeit sollten neben den
aus dem Auslande einfließenden Kreditvorschüssen
eine durch eine Zwangshypothek auf den
Grundbesitz gesicherte innere Anleihe der
Regierung die nötigen Geldmittel zur Verfügung
stellen.“ Gewaltige Erhöhungen der Finnahmen und
Strenge Ersparungsmaßnahmen sollten den Staats-
haushalt in Ordnung bringen. Eine ‚ganze Reihe
Wichtiger Gesetze zur Verwirklichung dieses Programms
wurden in den Monaten Juni und Juli beschlossen.
Die entscheidende Auslandshilfe aber blieb immer
noch aus: In dieser Lage entschloß sich die Regierung,
nachdem die Reparationskommission endlich im Juli
einzelne als Pfänder für die zu begebende Anleihe
verwendbare Einnahmsquellen der österreichischen
Regierung freigegeben hatte, zu einem äußersten
Schritt, der seinesgleichen in der alten und neuen
Geschichte der Staaten vergeblich suchen dürfte: Durd:
eine vom 7. August datierte Note des österreichischen
Gesandten inLondon an die Britische Regierung
wurden "die Mächte gebeten, sofort zu erklären, ob
sie zu einer teilweisen Garantie einer großen öster-
Teichischen Auslandsanleihe bereit seien. Sollte eine
Solche Garantie abgelehnt werden, so würde die
Österreichische Regierung alle Mittel zur Rettung der
Dituation für erschöpft halten, das österreichische
Parlament zu außerordentlichher Tagung
einberufen und erklären, daß weder die gegen-
Wärtige Regierung noch irgend eine andere
in der Lage sei, die Verwaltung des Staate:
Weiterzuführen. Sie würde sich ferner gezwungen
sehen, die’ Mächte der Entente für deg Zusauimen-
bruch eines der ältesten Zentren der Zivilisation im
Herzen Europas verantwortlich zu machen und die
künftigen ‚Geschicke Oesterreichs in die
Hand dieser Mächte zu legen. Die Mächte be-
tonten in ihrer Antwort neuerdings ihren guten
Willen, erklärten sich aber außerstande, zu einer
°Ntscheidenden finanziellen Hilfe. Alles, was sie in
diesem Augenblick tun zu können glaubten, war eine
Rückverweisung der gesamten Kreditfrage an den
Völkerbund.
Die Erfahrungen, welche Oesterreich bisher auf
Seinem Leidensweg zur Erlangung der Kredithilfe
3cmacht hatte, ließen nicht darauf hoffen, daß mit
diesem Beschluß der Mächte eine erhebliche Be-
chleunigung der Angelegenheit eintreten würde.
Die Situation Oesterreichs aber war in jenen
Wochen derart, daß die Regierung und das an
Oesterreich interessierte Ausland sich von einem
V ag auf den andern vor die allerschwersten und
Weittragendsten Entscheidungen gestellt sehen konnte.
Deshalb entschloß sich Bundeskanzler Dr. Seipel
lurch eine freimütige Aussprache mit den führenden
Vännern der Nachbarstaaten Klarheit darüber zu
schaffen, wie diese über die Lage Oesterreich:
lächten und wie sie sich zu den Lösungen ver
hielten, die plötzlich notwendig werden konnten
Am 20. August fuhr der Bundeskanzler zum
Besuche Dr. Benesfh* nach Prag. Der tschecho-
;lovakische Außenminister beurteilte die Aussichten
ler Völkerbundaktion durchaus günstig, er zeigte
Verständnis für die von der Österreichischen Re-
zierung bisher befolgte Neutralitätspolitik, sagte
die Unterstützung Oesterreichs beim Völkerbund
ınd die Teilnahme der Tschechoslovakei an der
Völkerbundaktion zu und erklärte andererseits, daß
lie Tschechoslovakei eine Aenderung des durch die
Triedensverträge geschaffenen status quo als mit
den Friedensverträgen unvereinbar ablehnen müßte.
"Der sich anschließende Besuch bei dem deutschen
Reichskanzler Dr. Wirth brachte die Sicherheit,
daß man in Deutschland, angesichts der Unmög-
lichkeit, derzeit an der durch die Friedensverträge
geschaffenen Ordnung zu rütteln, die Bemühungen
Oesterreichs um die zur Erhaltung seiner Lebens-
(ähigkeit notwendigen Kredite vollkommen billigte
und mit Sympathie verfolgte. Auch die deutsche
Zegierung erklärte sich bereit, im Rahmen des
zigenen Könnens Oesterreich in dem schweren Ringen
um sein Dasein zu unterstützen.
Der 25. August sah den Bundeskanzler in Verona,
wo er mit dem italienischen Außenminister Schanzer
zusammentraf. Ebenso wie Dr. Beneger verwies aud:
Herr Schanzer den Bundeskanzler zunächst an den
Völkerbund, an dessen Aktion die alliierten Mächte
lurch den Londoner Beschluß gebunden seien.
Auch .der italienische Außenminister betonte die
Notwendigkeit der Aufrechterhaltung der durch den
Vertrag von St. Germain geschaffenen politischen
Situation Oesterreichs (Do Reisen des Bundeskanzlers
ı1ach Prag, Berlin ee Verona hatten den Zweck,
liesem selbst und dem österreichischen Volk die Ge-
wißheit zu verschaffen, ob es in der Zeit der äußer-
sten Bedrängnis für Oesterreich einen Weg aus der
Enge heraus, in ein großes Wirtschaftsgebiet hinein,
zebe. Der Anschluß an Deutschland war in Prag und
Zerlin, die sogenannte Donauföderation in Prag und
Verona zum mindesten auf lange hinaus als völlig
ınmöglich erschienen. Da entschloß sich der Bundes-
xanzler, auch offen. von der dritten Möglichkeit zu
sprechen, indem er dem italienischen Außenminister
lie Frage einer Zoll- und Währungsunion
Oesterreichs mit Italien vorlegte. Dieser neue
Gedanke, zu dem Herr Schanzer naturgemäß nicht
sogleich Stellung nehmen konnte, verschob die
gesamte politische Lage der Republik und erzwang
in der Folge eine gewaltige Beschleuni-
gung der Völkerbundaktion. Es war nun klar
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