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Dritter Teil.
schen Ursachen. Melchiorre Gioia versuchte schon 1826 durch
einen Vergleich zwischen der Zahl der in den Jahren 1815—71817
in den mailändischen Findelhäusern abgelieferten trovatelli mit
der entsprechenden Tabelle der Erhöhung der Getreidepreise
in den gleichen Jahren den Beweis dafür anzutreten, daß die
Zahl der Findelkinder nichts. als eine entsprechende Folge-
erscheinung der Brotpreise sei*?. Ähnlich hat man ja auch
die Häufung der Selbstmorde mit der Steigerung der Getreide-
preise in Verbindung bringen wollen. Da die Brotpreissteige-
rung indessen, zumal wenn zugleich mit ihr oder doch in
kurzen Intervallen eine Steigerung anderer Preise sowie der
Löhne auftritt, zu. einer Intensivierung des gesamten Wirt-
schaftslebens führen oder doch in sie als Teilerscheinung ein-
gegliedert werden kann, so muß freilich dieses Erklärungs-
moment für gewisse Krankheitserscheinungen am sozialen
Körper als unsicher erachtet werden.
Die Nebeneinanderstellung zweier statistischer Ergebnis-
reihen zu Zwecken der Ursachenforschung ist ohnehin häufig
nicht ausreichend und verleitet infolgedessen zu falschen
Schlüssen. Wenn man z. B. aus dem in Frankreich und ander-
wärts festgestellten zahlenmäßigen Parallelismus zwischen den
Ehescheidungen und den Selbstmorden auf ein zwischen ihnen
bestehendes Verhältnis von Wirkung und Ursache hat schließen
wollen (Bertillon), so ist hiemit in Wirklichkeit noch längst kein
direkter und ausschließlicher kausaler Zusammenhang zwischen
den beiden Erscheinungen festgestellt, da sie sehr wohl einander
47 Gioia, vol. III, S. 514. — Der Einfluß der Kornpreise auf die
Trauungen und die Geburten kam vor allem in den sechziger Jahren des
vergangenen Jahrhunderts in Deutschland wieder auf die Tagesordnung
wissenschaftlicher Behandlung. So z. B. bei Scheel. (H. v. Scheel,
Untersuchungen über den Einfluß der Fruchtpreise auf die Bevölkerungs-
bewegung, in Hildebrands Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik,
Jena 1866, Mauke, vol. VI, S. 163. — Vgl. auch Friedrich Albert
Lange, Die Arbeiterfrage, 3. Aufl., Winterthur 1875, Bleuler, S. 203/04.)