Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

näßigkeit, nicht um Ideenfülle, sondern um möglichste 
Sparsamkeit in bezug auf Raum und Material, nicht so 
sehr um Kunst wie um Technik. Im Zeichen dieser 
wesentlich anders gerichteten Tendenzen wurde noch 
m November 1920 im Oesterreichischen Museum die 
Ausstellung „Einfacher Hausrat” eröffnet, die sich 
wie die gleichnamige Schau des Jahres 1916 in den 
Dienst der weniger bemittelten Kreise stellte und zu 
zeigen versuchte, wie eine mustergültige Inneneinrichtung 
nn Volkswohnhäusern, Siedlungen und Arbeiterkolonien 
beschaffen sein müsse. Die besten Typen dieser „Klein- 
wohnungen” stammten von den Architekten Prof. Karl 
Witzmann, Dr. Josef Frank, Hugo Gorge, Fritz 
Leymer und Guido Uxa, denen eine Reihe renom- 
mierter Möbelfirmen verständnisvoll zu Seite stand. 
Nicht ‚außeracht zu lassen ist der Einfluß, den die 
Aenderung der politischen Verhältnisse auf das heimische 
Kunsthandwerk ausübte. Der Zerfall der Monarchie und 
die Verkleinerung Oesterreichs auf einen Sechsmillionen- 
staat bedeutete für die Wiener Kunstindustrie den Ver- 
lust wertvoller Absatzgebiete und die Absperrung von 
den wichtigsten Zentren det Rohstoffbearbeitung. Be- 
‘anden sich doch alle nennenswerten Glas- und Textil- 
‘abriken auf tschechoslovakischem Boden, also im Aus- 
lande, und es bedurfte nicht geringer Anstrengungen, 
ehe die sich aus diesem Umstande ergebenden kom- 
merziellen Schwierigkeiten für die in Wien. ansässigen 
Firmen beseitigt waren. Um sich zumindest auf dem 
Felde der Glaswarenerzeugung von Böhmen unabhängig 
zu machen, wurden bald nach dem Kriege in Krams- 
ach die Tiroler Glashütte H. Groll und 
Dr. Zwieauer, in Wien die „Bimini-Werk- 
Stätten” gegründet, welch letztere sich vornehm- 
lich der Glasbläserei widmen. Weitere Neugrün- 
dungen ergaben sich als nächste Folge des Ueber- 
ganges ehemals hofärarischen Gutes in das Eigentum 
les Bundesstaates. Die Uebernahme des reichen Habs- 
durgischen Kunstbesitzes durch die Republik hatte die 
Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit unter anderem auch 
auf die wundervolle, mehr als 900 Stücke umfassende 
Gobelinsammlung gelenkt, die seit Jahren — eingerollt — 
M ihren Depots im Schönbrunner Schlosse schlummerte. 
Es gehörte zu den verdienstvollsten Taten der staat- 
lichen Kunstverwaltung, diesen einzigartigen Schatz in 
drei aufeinanderfolgenden Ausstellungen in den Jahren 
1920, 1921 und 1922 in den Räumen des Oberen Belve- 
dere allgemein zugänglich gemacht zu haben‘). Das da- 
Jlurch neuerwachte Interesse an der Bildwirkerei führte 
loch im Herbst 1921 zur Einrichtung einer Gobelin- 
Werkstätte im Parterre des Reichskanzleitraktes der 
Wiener Hofburg, die sich dann 1023 als selbständige 
Firma unter dem Namen „Wiener Gobelinmanu- 
faktur A. G.” etablierte und neben Kopien von Ta- 
Pisserien aus ehemaligem Hofbesitz auch zahlreiche 
Zelungene Bildteppiche nach Entwürfen moderner Künstler 
wie Robin C. Andersen, Franz Delavilla, Edmund 
Dulac, Anton Faistauer, Paris Gütersloh, Ludwig 
4. Jungnickel, Anton Kenner, Richard Teschner, 
Anton J. Treka und Franz Zülow ausführte. 
N ') Vgl. Ludwig Baldaß, Die Wiener Gobelinsammlung, Wien, 
£d. Hölzel & Co., 1920. 
Ungefähr zu gleicher Zeit gewann der Plan, die alte 
Wiener Porzellanfabrik in neuer Form ins. Leben zu 
ufen, durch die Zuweisung geeigneter Räumlichkeiten 
m ehemals kaiserlichen Schloß Augarten greifbare Ge- 
talt. Ein Konsortium österreichischer .und bayrischer 
inanziers brachte die nötigen Mittel auf, im Spät- 
ommer 1022 wurde mit dem Umbau des historischen 
ijaalgebäudes begonnen und am 2. Mai 1024 fand die 
»ffizielle Eröffnung statt. Die Wiener Porzellan- 
abrik Schloß Augarten A.G.,, die. als Firmenmarke 
Jen blauen Bindenschild mit der Unterschrift „Augarten” 
ührt, erzeugt gegenwärtig außer stilgerechten Kopien 
‚ron Altwiener Figuren und Gefäßen nach noch vor- 
ıandenen Originalmodellen sowie feinen und einfachen 
Sebrauchsgeschirren, auch Porzellanplastiken und Ser- 
vice, denen bekannte Wiener Künstler Form und Dekor 
zeben. Um nur einige Namen zu nennen, so haben 
lie Bildhauer Prof. Franz Barwig, Prof. Michael 
Powolny, Otto Hofner, Josef Humplik und Walter 
3osse, Architekt Prof. Otto Prutscher, Maler Franz 
ülow und die Keramikerinnen Vally Wieselthier, 
lertha Bucher, Dina Kuhn, Ida Schwetz-Lehmann, 
Aathilde Jaksch und Karin Jarl zahlreiche geschmack- 
olle Genre- und Tierfiguren, Vasen, Lampen und 
jervice für die Porzellanfabrik angefertigt und damit die 
‚ewährten Traditionen der 1864 aufgehobenen ärarischen 
’orzellanmanufaktur aufs glücklichste fortgesetzt. Wie 
inst werden auch jetzt wieder Wiener Theaterlieblinge 
yorträtgetreu‘ in Porzellan verewigt, aber nicht minderen 
Zeifall findet eine von Albin Döbrich nach der Natur 
nodellierte Serie von Studien aus der „Spanischen Reit- 
‚chule”. 
Nochmals ins Jahr 1921 zurückkehrend, wäre von der 
‚Kunstschau 19021“ zu berichten, die diesmal den 
sanzen ersten Stock des Künstlerhauses einnahm und im 
kaum der „Wiener Werkstätte” die neuesten Schöpfungen 
Jagobert Peches vorführte. 
Im April 1922 tat das Oesterreichische Museum mit 
ler Eröffnung einer Ausstellung von Werken ost- 
ısiatischer Kunst den ersten Schritt zur Erschließung 
ıines Gebietes, dem man in Wien bisher verhältnis- 
näßig geringe Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Nicht 
ıur die Sammler, auch die modernen Kunstgewerbler 
;ollten aus dem Studium hochwertiger chinesischer und 
apanischer Kunst neue Impulse empfangen, und tat- 
;ächlich hat seitdem der Einfluß ostasiatischer Vorbilder 
ıuf die Keramik, Textilkunst und Möbeltischlerei un- 
‚erkennbar zugenommen. Das Museum setzte daher sein 
Wirken in dieser Richtung emsig fort, widmete in jüngster 
Zeit dem ostasiatischen Kunsthandwerk einen eigenen, 
zeräumigen Saal und ergänzte das 1022 Gebotene durch 
sine im Oktober 1928 veranstaltete sehenswerte Aus- 
stellung ostasiatischer Gerätekunst und Klein- 
>ildnerei. Auch im Ausbau seiner kleinasiatischen Be- 
;‚tände konnte es seit dem Jahre 1919 auf sehr bedeutende 
Fortschritte hinweisen. Von den aus hofärarischem Besitz 
übernommenen, mehr als 90 persischen und türkischen 
Teppichen zeigte es bereits im Juni 1920 in der Aus- 
;tellung orientalischer Teppiche aus ehemals 
xaiserlichem Besitz 16 der schönsten Stücke, darunter 
lien herrlichen „Jagdteppich” und den sogenannten 
Sf
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.