her immer nur in Verbindung mit anderen Erlebnissen, nicht
aber isoliert vor. Zu diesen anderen Erlebnissen müssen wir
auch die Gestalten rechnen. Wenn wir etwa ein Quadrat er-
blicken, so sehen wir nicht lediglich vier Strecken, sondern diese
Strecken begründen das Gestaltserlebnis des Quadrats. Um ein
Gestaltserlebnis handelt es sich auch, wenn uns einzelne aufein-
anderfolgende Klänge und Pausen zu einer Melodie werden.
Auch die gesamten Äußerungen einer Persönlichkeit haben einen
bestimmten. Gestaltscharakter. Neben den Sinneswahrnehmun-
gen unterscheiden wir auch andere Erlebnisse von sinneswahr-
nehmungsartigem Charakter, wie die Mlusionen, von denen oben
schon die Rede war, die Halluzinationen und die heute viel dis-
kutierten Anschauungsbilder. Am wichtigsten sind für unseren
augenblicklichen Zusammenhang jene Bewußtseinsvorgänge, die
meine Schüler und ich um die Wende des Jahrhunderts als Be-
wußtseinslagen bezeichnet haben und die dann von anderen teil-
weise Gedanken (Pens6es), Bewußtheiten oder auch anders ge-
nannt wurden,
Wir finden nämlich oft Erlebnisse, deren Wesen durch die
gebräuchliche Klassifizierung nicht erschöpft wird. Hierher
gehören das Bewußtsein des Neuen, Ungeahnten, das Bewußt-
sein, einen Text zu verstehen oder ihn nicht zu verstehen,
das Bewußtsein des Wissens oder Nichtwissens um eine Sache
und vieles andere. Alle diese in die landläufigen Klassen von
Erlebnissen nicht einzuordnenden, heute auch noch nicht analy-
sierbaren, teils anschaulichen, teils unanschaulichen Bewußt-
seinsvorgänge haben wir unter den Begriff der Bewußtseins-
lagen !) subsumiert, wobei das Verhältnis dieser Bewußtseins-
lagen zu den Gestalten übrigens noch weiterer Aufklärungen
bedürfen mag. Diese Bewußtseinslagen spielen in unserem ge-
samten Denken im weitesten Sinne des Wortes eine hervorragende
*) Vgl. hierzu K. Marbe, Zur Psychologie des Denkens. Fortschritte der
Psychologie und ihrer Anwendungen. Bd. 3. 1915. 8. 27ff.
J
20