Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

arschienen sind 1). Nur der Umstand sei an dieser Stelle 
hervorgehoben, daß die Pariser Ausstellung in viel 
;tärkerem Maße, als es je in den letzten Jahren in Wien 
ler Fall war, auch die kunstgewerbliche Produktion der 
Bundesländer zur Anschauung brachte. Es war darum 
23in bedauerliches Versäumnis, daß die österreichische 
Sektion nicht nach Schluß der Pariser Veranstaltung in 
Ihrer Totalität auch dem Inlande vorgeführt wurde. 
Von anderen kunstgewerblich bemerkenswerten Ereig- 
nissen des Jahres 1925 wäre außer einer neuerlichen 
\usstellung der Wiener Gobelinmanufaktur A.G. 
m Künstlerhause, einer hochinteressanten Ausstellung von 
Arbeiten des Steyrer Stahlschnittmeisters Michel Blümel- 
huber”) in den Räumen des Staatlichen Münzkabinetts 
und der Ausstellung für christliche Kunst in der 
secession, die dem Kunstgewerbe genügenden Raum ge- 
währt hatte, auch des Wechsels in der Leitung des Oester- 
reichischen Museums zu gedenken. Nach beinahe vier- 
zigjähriger erfolggekrönter Dienstzeit schied der bis- 
herige Direktor Hofrat Dr. Eduard Leisching am 
30. November von seinem Posten, um das Amt eines 
Kunstberaters der Gemeinde Wien zu übernehmen. Sein 
Nachfolger wurde Hofrat Dr. Hermann Trenkwal d, 
der sich schon als Vizedirektor mannigfache Verdienste 
ım das Institut erworben hatte. Zu seinen ersten Unter- 
nehmungen zählte die Veranstaltung einer Internati- 
nalen Ausstellung moderner künstlerischer 
Schrift, die zugleich als Ehrung für den Reformator der 
Schriftkunst Professor Rudolf Larisch gedacht war, der 
am I. April 1926 seinen 70. Geburtstag beging?), Die Aus- 
stellung, die mit erlesenen Werken in- und ausländischer 
Schriftkünstler den Säulenhof und die Galerie des Museums 
füllte, hatte außerordentlichen Erfolg; im Mittelpunkte 
des Interesses stand neben Larisch’ eigenen Arbeiten der 
‚on seiner Assistentin Hertha Ramsauer auf Pergament 
geschriebene Goethesche „Faust” I. und II. Teil, auch 
der von der Officina Vindobonensis im Handsatze 
hergestellte Katalog der Ausstellung fand allgemeinen Bei- 
all und war bald vollständig vergriffen. Dann trat aller- 
dings eine längere Pause in der Ausstellungstätigkeit 
des Museums ein. Das Künstlerhaus sprang in die Lücke 
ınd gab sowohl in der vom Bunde österreichischer 
Künstler im Frühjahr 1926 in seinen Räumen gast- 
weise abgehaltenen Kunstschau, als auch in der von 
Prof. Karl Witzmann eingerichteten Weihnachts- 
schau dem Kunsthandwerk reichlich Gelegenheit, von 
seinem Können Rechenschaft abzulegen. Im Sommer 1926 
verbanden sich die „Wiener Werkstätte“, die Wiener 
Dorzellanfahbrik Schloß Augarten, J. & L. Lobmeyr, 
‚Haus und Garten”. R. Lorenz und einige andere Firmen 
1) Vgl. „Oesterreich in Paris”, Sonderheft von „Oesterreichs 
Bau- und Werkkunst”, Jahrgang 1925, S. 207 ff.; Max Eisler, 
Oesterreich in Paris, in „Moderne Bauformen”, Jahrgang XXIV 
1925), Heft 8; L. W. Rochowanski, Oesterreich auf der 
dariser Ausstellung, in „Deutsche Kunst und Dekoration”, 
3and 57 (1925), S. 60ff.; Hans Ankwicz-Kleehoven, 
Oesterreich auf der Internationalen Kunstgewerbeausstellung 
Zaris 1925, in der „Wiener Zeitung” vom 21. Juli, 26. Juli, 
5. August, 30. August und 12. September 1925. 
1) Vgl. Eduard Kapralik, Michel Blümelhuber, Wien, 
Rikola-Verlag, 1924; Rudolf Sterlike, Michel Blümelhuber, 
Wien, Eckart-Verlag, 1025. ; 
3) Vel. F. H. Ehmcke, Rudolf von Larisch, Leipzig 1926. 
jur gemeinsamen Beschickung der Ausstellung „Kunst 
ınd Kunstgewerbe aus Oesterreichund Schle- 
ien” in Breslau und konnten in der Ausstellungs- 
‚alle Scheitnig eine erfolgreiche Konkurrenz mit der 
Chlesischen Kunstindustrie aufnehmen. 
Nur ein Jahr lang hatte Hofrat Trenkwald die Ge- 
ichicke des Oesterreichischen Museums gelenkt. Am 
‚ Jänner 1927 führte bereits Hofrat Dr. August Schestag, 
ler dem Hause seit 1897 angehörte, die Vorstandsagenden, 
loch war die Ausstellung „Künstler im Kunsthand- 
verk und in der Industrie”, die kurz vor der Jahres- 
vende im neuen Gebäude des Museums eröffnet wurde, 
ı1och durchaus Trenkwalds Werk und. geistiges Eigen- 
um. Die Absicht, die ihr zugrunde lag, hatte Trenk- 
vald in einem an die Besucher verteilten „Programm”- 
Jlatt in folgenden Sätzen zusammengefaßt: „Durch die 
virtschaftliche Lage von heute ist die Ausführung wert- 
roller kunsthandwerklicher Erzeugnisse, so weit es sich 
ıcht um direkte Bestellungen handelt, ungemein er- 
chwert. Kunstgewerbliche Ausstellungen müssen sich 
roßenteils mit bereits anderwärts gezeigten Objekten 
‚egnügen und mit solchen, welche gerade am Lager 
ind, während zahlreiche Entwürfe und Skizzen in den 
Aappen der Künstler und Schränken der Firmen ver- 
)leiben, weil sie Abnehmer und Besteller nicht finden 
önnen. Die Ausstellung soll nun die Möglichkeit bieten, 
ur Ausführung geeignete Entwürfe vor die breite Oeffent- 
‚chkeit zu bringen und zu Bestellungen Anreiz geben. 
5o wird ein innigerer Kontakt zwischen Künstler, Hand- 
verker,;, Käufer und Auftraggeber erzielt werden, der 
‘em kunstgewerblichen Schaffen nur Nutzen zu bringen 
ermag. Dem Publikum aber wird durch eine solche 
\usstellung Gelegenheit gegeben, Entwürfe, die ja die 
ägentlichen Intentionen des Künstlers oft viel unmittel- 
aarer zum Ausdruck bringen als das ausgeführte Ob- 
2kt, verstehen und lesen zu lernen.” Der Gedanke war 
zdenfalls gut und die Ausstellung ließ an Reichhaltig- 
zeit der eingesandten Entwürfe nichts zu wünschen 
ıbrig !). Trotzdem entsprach der tatsächliche Erfolg nicht 
len Erwartungen; die wirtschaftliche Depression hielt 
lie Industrie von den erhofften Bestellungen zurück. 
Im Februar 1027 führte eine vom Schreiber dieser 
’eilen im Vorraum zum Vortragssaale des österreichischen 
luseums zusammengestellte Ausstellung von Arbeiten 
les einstigen Professors an der Kunstgewerbeschule 
Colo Moser das fruchtbare Wirken dieses Künstlers 
Js Maler und Kunstgewerbler vor Augen; im Mai ver- 
ınschaulichte die im Museum eröffnete „Kunstschau 
Vien 1927” in einer Serie von Modelien neuester Ar- 
hitekturen und Inneneinrichtungen die aktuellen Pro- 
»leme des Zweckbaues und der Typenmöbel; 
ırchitekt Franz Singer lieferte in originellen Interieurs 
len Beweis für die Anwendbarkeit der Grundsätze des 
Jessauer Bauhauses auf Wiener Verhältnisse. Im De- 
;ember hielt die neugegründete Vereinigung „Wiener 
“rauenkunst” ihren Einzug ins Museum und gewährte 
chon in dieser ersten Ausstellung auch der angewandten 
Kunst breiten Raum. 
1) Vgl. über diese Ausstellung, zu welcher es keinen Katalog 
zab, Hans Ankwicz-Kleehoven in „Deutsche Kunst und 
Dekoration”, Band 60 (1927). S. 237 #.
	        
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