Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

Finführung, welche Maßnahme sich aus dem Grunde als 
ıotwendig erwiesen hatte, weil die bis dahin bestandene 
Güterklassifikation noch auf den wirtschaftlichen Verhält- 
aissen der Vorkriegszeit aufgebaut und daher durchaus re- 
[ormbedürftig war. Am I. Jänner 1925 ist eine Änderung der 
Frachtberechnung im Güterverkehre der Österreichischen 
Bundesbahnen durch die mit diesem Zeitpunkte verfügte 
Durchrechnung der Tarife zwischen den Bundes- 
bahnen und den österreichishen Südbahnlinien 
sowie anderen von den Bundesbahnen betriebenen 
Privatbahnen eingetreten. Der hierdurch bewirkte Ein- 
aahmenentgang sowie die ungünstige Entwicklung des 
Güterverkehres im Jahre 1925 und in den ersten Monaten 
des Jahres 1926 zwangen die Bundesbahnunternehmung, 
im Interesse der Aufrechterhaltung ihres finanziellen 
Gleichgewichtes mit I. Juli 1926 eine weitere Tariferhöhung 
vorzunehmen. Mit dem gleichen Zeitpunkte erfolgte auch 
eine grundlegende Umarbeitung der Gütereinteilung. 
Diese Tarifreform erhöhte die Gütertarife im großen 
Durchschnitte auf etwa 2 Prozentder Vorkriegs- 
:arife. 
Im Personenverkehr haben die Österreichischen 
Bundesbahnen im allgemeinen mit den Hinaufsetzungen 
der Gütertarife zeitlich Schritt gehalten. Das mit der 
ietzten Erhöhung vom I. Jänner 1926 erreichte Tarif- 
niveau ist hinter jenem des Güterverkehres zu- 
rückgeblieben, indem die Beförderungspreise lediglich 
auf die Vorkriegsparität (K 1.-=5$ 1'4) gebracht wurden. 
Die vorangedeuteten zahlreichen Tariferhöhungen, 
welche die Verwaltung der Österreichischen Bundes- 
bahnen der Österreichischen Volkswirtschaft und dem 
reisenden Publikum auferlegt hat, finden kein Bei- 
spiel in der Geschichte des österreichischen. Eisenbahn- 
wesens. Die dadurch geschaffene Unruhe und Un- 
sicherheit in der kaufmännischen Kalkulation haben 
naturgemäß den Gegnern der österreichischen Tarif- 
politik stets neuen Stoff für Angriffe geboten. So 
begreiflich diese Angriffe vom Standpunkte der Bahn- 
benützer waren, so war der für die Erreichung geord- 
neter Fisenbahntarifverhältnisse in Österreich beschrittene 
Weg durch die Verhältnisse zwangsläufig vorgezeichnet 
and nicht zu umgehen. Es kann jedoch ohne Beschöni- 
zung gesagt werden, daß die in dieser Zeit getroffenen 
Tarifmaßnahmen ohne eine nennenswerte Er- 
schütterung der österreichischen Volkswirt- 
3chaft durchgeführt wurden und daß das allmähliche 
Aufsteigen der Tarifsätze auf das ungefähre Ausmaß 
der Geldentwertung für die österreichischen Bahnbenützer 
zuträglicher gewesen ist, als es ein unmittelbares Empor- 
schnellen der Beförderungsgebühren gewesen wäre. 
Der gegenwärtig gültige Gütertarif der Österreichischen 
Bundesbahnen vom I. Juli 1926, der sich im wesentlichen 
nur als ein Ausbau des Tarifes vom I. Jänner 1924 dar- 
stellt, steht unter dem Zeichen eines weitgehenden 
Protektionismus. Er ist derart aufgebaut, daß er einer- 
seits für den Bezug von Rohstoffen möglichste 
Tariferleichterungen gewährt, um auf diese Weise 
den Produktionsprozeß tunlichst zu verbilligen, und daß 
ar andererseits durch Einräumung von Frachtermäßi- 
zungen für im Inland erzeugte Güter deren 
Wettbewerbsfähigkeit im In- und Ausland günstig beein- 
Außt. In formaler Beziehung findet dieser Gedanke in 
len sogenannten Richtungstarifen seinen Ausdruck, 
lie, soweit sie der Begünstigung des heimischen Kon- 
ums zu dienen haben, nur im Verkehr mit inländischen 
/erbrauchsorten und, soweit sie die Absatzfähigkeit der 
;sterreichischen Erzeugnisse erleichtern sollen, auf den 
/erkehr von den in Betracht kommenden österreichischen 
rzeugungsstätten abgestellt sind, wobei vielfach für die 
\usfuhr nach dem Ausland besonders niedrige Fracht- 
ätze gewährt werden. Diese Sondertarife sehen in 
Jeicher Weise weitgehende tarifarische Begünstigungen 
ür die heimische Landwirtschaft und die industrielle 
>roduktion vor. Der geographischen Gestaltung Öster- 
eichs entsprechend enthalten sie aber auch für die 
ntfernt gelegenen Gebiete, wie insbesondere für 
‘irol und Vorarlberg, besondere Frachterleichterungen, 
ım diese Bundesländer der Bundeshauptstadt Wien 
rachtlich näher zu bringen. Neben diesen Sondertarifen 
sewährt die österreichische Bundesbahnverwaltung zur 
"örderung der heimischen Wirtschaft zahlreiche Tarif- 
ıachlässe und besondere Beförderungserleichterungen, 
lie im Interesse ihrer leichteren Beweglichkeit nicht im 
3Zundesbahngütertarif selbst verankert sind, sondern 
ıußerhalb dieses Tarifes zur Verlautbarung gelangen. 
Auch im Verkehre mit den Bahnen anderer Staaten 
connte eine zielbewußte Tarifpolitik der österreichischen 
"isenbahnen erst in dem Zeitpunkte einsetzen, in dem 
lie wirtschaftlichen und insbesondere die valutarischen 
Verhältnisse sowohl in Österreich als auch in den 
ınderen Staaten die Einführung direkter, verbandsmäßig 
‚ebildeter Frachtsätze ermöglichten. Zu diesem Zwecke 
nußten mit Rücksicht auf die staatsterritorialen Ver- 
chiebungen neben der Ausarbeitung dieser Verbands- 
rachtsätze in den meisten Fällen auch neue Verkehrs- 
silungsabmachungen getroffen werden, die in manchen 
Jerkehren erst nach heftigen Tarifkämpfen zu einem 
yefriedigenden Ergebnisse führten. Hierdurch wurde auch 
lem die Eisenbahnen schädigenden und den Bahn- 
‚enützern meist abträglichen Zustand ein Ende bereitet, 
Jer darin bestand, daß sich jede Fisenbahnverwaltung 
yemühte, durch tarifarische und transporttechnische Maß- 
ı1ahmen einen möglichst großen Verkehr von den frem- 
len Bahnlinien abzuziehen und für die eigenen Linien 
2 gewinnen. Gegenwärtig bestehen auf den österreichi- 
chen Fisenbahnen für den Personen- und Gepäckverkehr 
ıcht weniger als 55 und für den Expreßgut- und Güter- 
‚erkehr je 18 direkte Verbandtarife, wohl ein Zeichen 
lafür, mit welchem Ernste sich die Tarifpolitik der öster- 
‚eichischen Fisenbahnen auch auf dem Gebiete des 
\uslandsverkehres betätigt. 
Die geographische Lage Österreichs im Herzen 
\uropas hat die Tarifpolitik der österreichischen 
isenbahnen und hier wieder vorzugsweise der Öster- 
‚eichischen Bundesbahnen schließlich vor die Aufgabe 
‚estellt, den Güteraustausch zwischen dem Westen 
ınd dem Osten sowie zwischen dem Norden und dem Süden 
{es Kontinents zu fördern. Auf diesem Betätigungsfeld hat 
lie österreichische Tarifpolitik sehr beachtenswerte Er- 
olge erzielt und dadurch nicht nur eine die Zahlungs- 
»ilanz Österreichs günstig beeinflussende Befruchtung 
der österreichischen LEisenbahnstrecken herbeigeführt, 
;jondern auch dem Auslande wertvolle Dienste ge- 
leistet.
	        
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