Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

DIE KOMMERZIELLE WEITERENTWICKLUNG DER DONAU- 
SCHIFFFAHRT 
Von Hofrat Ludwig Wertheimer, Generaldirektor der Ersten Donau - Dampfschiffahrts-Gesellschaft. 
Das Donauschiffahrtsgeschäft konnte schon vor dem 
Kriege in einer den volkswirtschaftlichen Bedürfnissen 
völlig entsprechenden Weise nur mit einer verhältnis- 
näßig geringen Rentabilität geführt werden. Der Aus- 
zang des Weltkrieges hat die Voraussetzungen für 
einen wirtschaftlichen Betrieb wesentlich erschwert. 
Die katastrophalen Verluste, welche die österreichische 
Jonauschiffahrt durch die Friedensverträge an Zugkraft 
and Frachtraum erlitten hat, sind bekannt. Rund die 
Hälfte ihrer Betriebsmittel ist ihr genommen worden, 
wobei diese gleichzeitig ‚zum Aufbau ausländischer 
Konkurrenzunternehmungen verwendet wurden. Das 
Personal, das auf diesen Schiffen tätig war, ist jedoch 
nur zum kleinsten Teil mit übernommen worden. 
Abenso konnte das Ersatzpersonal, das während des 
Krieges eingestellt wurde, um an den Platz zur 
militärischen Dienstleistung Einberufener zu treten, im 
Jahre 1919 nicht ohneweiters entlassen werden. Die 
Erste Donau - Dampfschiffahrts-Gesellschaft stand also 
um so mehr vor einer Plethora an Personal, als der 
umfangreiche Apparat auf doppelt so große Betriebs- 
mittel zugeschnitten war, als sie an der Jahreswende 
1918/19 verblieben. ; 
Zu all dem kamen unvorstellbar große Hemmungen 
des Verkehres. Daß der Donauverkehr auch. darunter 
zu leiden hatte, bedarf keines Beweises. 
Erst etwa in den Jahren 1022/23 näherten sich die 
Verhältnisse wieder einigermaßen dem Normalen, doch 
machte sich noch immer die Verarmung, die alle Donau- 
uferstaaten ohne Ausnahme, wenn auch in verschie- 
denem Grade belastete, drückend fühlbar. Zunächst 
waren und sind es die gegen- 
über den Vorkriegszeiten phan- 
tastisch hohen Zinssätze, die 
nicht nur die Haltung von Vor- 
räten erschweren, sondern den 
Yandel zwingen, sich womög- 
ich „von der Hand in den 
Mund” einzudecken, also seine 
3ezüge nicht in großen Partien, 
sondern sozusagen kistenweise 
zu bewerkstelligen. Hiedurch 
st der Aufbau des Geschäftes 
der Donauschiffahrt stark ver- 
schoben worden: an Stelle der 
Schlepp- und Waggonladungen 
traten häufig kleine Teilpartien. 
Vor allem aber ist das Gesamt- 
‚olumen des Konsums in den 
Donauländern stark einge- 
schrumpft. Immerhin wäre die 
Zntwicklung günstiger gewesen, 
wenn nicht auch noch die land- 
wirtschaftliche Produktionsfä- 
aigkeit des Donaugebietes stark 
rückläufig gewesen wäre. Diese 
Tatsache ist in erster Linie auf 
die Agrarreformen zurückzuführen, die in gewissen Staaten 
zur Durchführung gebracht wurden. Im Zuge dieser 
Zeformen sind die Latifundien des Großgrundbesitzes viel- 
ach in Bauerngüter verwandelt werden. Die Folge war 
unächst eine Minderproduktion der kleinen Landwirte, 
lie weder über die Kenntnisse noch über die Betriebs- 
nittel intensiver Wirtschaft verfügen. Zunächst ist 
lurch die erhöhte Viehhaltung der eigene Konsum 
zestiegen. Auch sind die betreffenden Gebiete durch 
lie angesetzten Bauernfamilien stärker besiedelt worden. 
Dazu kamen noch gewisse, die Ausfuhr hemmende 
inanzmaßnahmen (Exporttaxen), die sich ebenfalls einem 
atensiven Anbau entgegenstellten. 
Leider wirken diese für den Getreideexport aus 
enen Ländern nachteiligen Momente bis jetzt noch 
ı1ach, und man kann nur der Hoffnung Ausdruck 
‚erleihen, daß es der: agrarpolitischen Finflußnahme 
ler maßgebenden Stellen doch gelingen wird, die 
'roduktion und damit die Exportfähigkeit ihrer land- 
wirtschaftlichen Erzeugung zu heben. Da der Eigen- 
‚erbrauch jedes dieser Länder (innerhalb verhältnis- 
näßig enger Grenzen) eine feste Größe bildet, bewirkt 
in weiterer Zuwachs der Produktion sogleich ein 
;tarkes Ansteigen der Exportmöglichkeit. Während also 
las Getreidegeschäft zu Berg wie die Transporte mit 
KXaufmannsgütern zu Tal durch die geschilderten 
5konomischen Momente vermindert wurden, machten 
sich auch im inneren Betriebe der Donauschiffahrt 
beträchtliche Erschwerungen geltend. 
Insbesondere wurde die Besoldungsfrage durch die 
nflation und nachher durch das rapide Ahsinken der 
Zusdampfer „Österreich” der Donau-Dampfschiffahrts-Gesellschaft bei der Wiener Reichsbrücke
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.