DIE ENTWICKLUNG DES POST- UND TELEGRAPHENWESENS
Von Ministerialrat Dr. Ferdinand Weiß.
„Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit
ınd neues Leben blüht aus den Ruinen.” Keine
besseren Worte können wir finden, um ein Bild der
Entwicklung des Post- und Telegraphenwesens im
neuen Österreich zu geben. Das Alte war gestürzt
ınd Ruinen waren, was uns der Krieg gelassen. Der
Gesamtapparat der Post- und Telegraphenanstalt stand
aicht mehr im Verhältnis zur geringen Ausdehnung
les neuen Verwaltungsgebietes und zum verminder-
en Verkehrsumfang. Die Hauptträger des Verkehres,
Kisenbahnen und Straßenfuhrwerk bei der Post, das
Gerätewerk und die Leitungen beim Telegraphen und
Fernsprecher waren durch den langen Krieg abge-
nutzt und nur noch zur Not brauchbar. Die Er-
gänzungsvorräte waren aufgebraucht. Mit den neuen
Nachbarstaaten bestand kein Verkehr, jener mit den
Ländern des Weltpostvereines und des Welttele-
graphenvereines war vielfach noch nicht aufgenommen.
Die Arbeit, die sich aus dieser Sachlage ergab,
war umfangreich und schwierig, aber sie wurde mit
der nötigen Schnelligkeit geleistet. Die Eingliederung
der neuen Verwaltung in das internationale Post-
und Telegraphengefüge, der Ausbau der internationalen
Beziehungen, die Umstellung der Einrichtungen auf
die geänderten Verhältnisse, der Ersatz mangelnder
zostspieliger Betriebsmittel durch einfachere und doch
nöglichst gleichwertige, schienen‘ zunächst die glatte
Überwindung der Übergangsschwierigkeiten zu gewähr-
leisten. Da begann das verhängnisvolle Sinken des
Rriefaufeahe im Wiener Haupntpostamt
Wertes der österreichischen Krone und aller Arbeit,
allen Organisations- und Ersparungsmaßnahmen
drohte der Erfolz zu versagen, weil der Betrag der
Das neue Postamtsgebäude in Hofgastein
‚rzielten Ersparnisse und der durch Tariferhöhungen
rreichten Mehreinnahmen immer wieder durch :die
ntwertung des Geldes und die dadurch bewirkten
Lohn- und Preissteigerun-
gen überholt wurde, so daß
in der Zeit vom November
1918 bis zu der am 27. No-
vember 1022 erfolgten An-
nahme des Genfer Sanie-
rungsprogrammes selbst die
zehnmalige Erhöhung der
Postgebühren und die fast
»benso oftmalige Erhöhung
der Telegraphen- und Fern-
sprechgebühren die not-
wendigen Einnahmen nicht
bringen konnten. Unter
dem Drucke der wirtschaft-
lichen Verhältnisse mußte
sich die Verwaltung zu
immer weitergehenden Ein-
schränkungen der Ver-
kehrseinrichtungen ent-
schließen, obwohl sie nicht
verkennen konnte, daß da-
durch dem geschäftlichen
and privaten Leben’schwere
Nachteile erwachsen und
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