Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

nicht unerwähnt bleiben, daß immer noch in . vielen 
Schichten der Bevölkerung dem Alkoholgenuß in unge- 
wöhnlichem Maße gefrönt wurde, Darin ist auch der 
Grund zu erblicken, daß manche Sittlichkeits- und Ge- 
walttätigkeitsdelikte eine, wenn auch unbedeutende Zu- 
nahme gegenüber dem Jahre 1923 aufwiesen. Auch im 
Jahre 1925 bewegte sich die Zahl der in Wien verübten 
Bluttaten in aufsteigender Kurve und im Jahre 1926 
schnellte die Ziffer der verübten Morde, und zwar hier 
>hne Berücksichtigung der Qualifikation der einzelnen 
Verbrechen, ganz gewaltig in die Höhe. 
Im Jahre Morde Totschläge mit Einlieferungen 
1924 30 15 22 
1025 52 14 20 
1926 113 7 76 
Ferner war bei den Finbruchsdiebstählen, und zwar 
insbesondere bei den Kasseneinbrüchen festzustellen, 
daß im Jahre 1926 diese gefährliche Art der Verbrechen 
wieder auf besonders verwegene Art, so namentlich durch 
Zindringen vom Keller aus, verübt wurde. Hinsichtlich 
des Verbrechens des Betruges war die Erscheinung wahr- 
zunehmen, daß die verhältnismäßig einfachen und 
olumpen Betrugsarten früherer Jahre, wie beispielsweise 
Bauernfängerei, Heiratsschwindel, Kautionsbetrug, Ring- 
werfen und andere dem großangelegten Banken- und 
Schecbetrug und der Urkundenfälschung in ihren ver- 
schiedenen Erscheinungsformen allmählich auf der ganzen 
Linie weichen zu wollen schienen. Insbesondere der häufig 
geradezu gewerbsmäßig betriebene Betrug durch Fälschung 
‚on in- und ausländischen Reisepässen bildete im Jahre 
‚926 ein Kapitel für sich. Als besondere Tatsache war in 
diesem Jahre hervorzuheben, daß das internationale 
Verbrechertum wieder stärker auf den Plan trat. 
Die eifrige Tätigkeit der Wiener Kriminalpolizei könnte 
an der Hand der statistischen Ausweise sinnfällig nach- 
gewiesen werden. So wurden beispielsweise im Jahre 1927 
‚on den Kriminalbeamten und den nicht uniformierten 
Bahngendarmeriebeamten der Polizeidirektion in Wien 
insgesamt 34.371 Personen Gesetzesübertretungen halber 
angehalten. Es bedeutet dies eine Zunahme der An- 
haltungen gegen das Jahr 1926, in dem 20.064 Personen 
angehalten wurden. Die überwiegende Mehrzahl der 
Anhaltungen erfolgte Eigentumsdelikte halber, und zwar: 
Wegen Geschäftseinbruches 440, Villeneinbruches 33, Kir- 
dhheneinbruches 8, Bodeneinbruches 42, Kellereinbruches 
19, Wohnungseinbruches 328, Geschäftsdiebstähle 272, 
Wohnungsdiebstähle 346, Gelegenheitsdiebstähle 329, 
Rockdiebstähle 81, Wagendiehstähle 72, Bahndiekstähle 72, 
Unzuchtsdiebstähle 37, Fahrraddiehbstähle 80, Diebstahls- 
teilnehmung 65, Veruntreuung 471, Briefspoliierung 8, 
Teilnehmung am Diebstahl oder an der Veruntreuung 213, 
Raubes 25, Raubversuches 13, Betruges 052. Die hier ange- 
führten Zahlen betreffen lediglich verbrecherische Hand- 
lungen. Wegen geringerer  Diebstähle wurden 216, 
wegen minderer Veruntreuungen und Betrügereien 
wurden 174 Personen angehalten. Wegen Mordes er- 
‘olgten 15 Anhaltungen, wegen Mordanstiftung I, wegen 
Mordversuches 18, wegen Kindesmordes 5, wegen Tot- 
;chlages 27 und 54 Anhaltungen erfolgten wegen Brand- 
legung. Durch die Tätigkeit der Kriminalbeamten und 
der nichtuniformierten Bahngendarmerie wurden rund 
35% des ziffernmäßigen Gesamtbetrages des durch die 
Gesetzwidrigkeiten verursachten Schadens gutgemacht 
zw. zustandegehracht. 
Erwähnenswert dürfte auch sein, daß im Jahre 1927 
23 Amtshandlungen wegen Mordes und Mordversuches. 
159 Amtshandlungen wegen Einbruchsdiebstahles, 571 Amts- 
1andlungen wegen des Verbrechens der Veruntreuung 
) Amtshandlungen wegen Raubes und 674 Amtshand- 
lungen wegen Betruges durchgeführt wurden. 
Das Sicherheitsbureau hat in diesem Jahre 1712 Personen 
ın Haft genommen und 1274 den Strafgerichten einge- 
liefert. Die Gesamtschadenssumme bei den aus Gewinn- 
zucht verübten Delikten belief sich im Jahre 1927 auf 
ıngefähr S 7,059.580. Davon wurden durch die polizei- 
ichen Erhebungen Wertheträge von ungefähr 5 3,069.100 
also gegen 43°%) zustandegehracht. 
Das Sicherheitsbureau könnte aber dieser seiner wich- 
igen Aufgabe nicht befriedigend entsprechen, wenn ihm 
ıcht andere Abteilungen der Polizeidirektion gewisser- 
naßen als Hilfsämter zur Seite ständen. Diese Hilfs- 
imter sind: Das Erkennungsamt, das Evidenzbureau; 
las Redaktionsbureau für Späheblätter (nunmehr Fahn- 
lungsamt genannt), die Abteilung für Gefangenhaus- 
ıngelegenheiten und im gewissen Sinne auch die Polizei- 
‚:hteilungen bei den Staatsanwaltschaften Wien I und II. 
Das Erkennungsamt konnte im Jahre 1923 auf eine 
ı5 jährige Tätigkeit zurückblicken. Bis zum Jahre 19003 
var im Erkennungsamte nach dem System Bertillon ge- 
ırbeitet worden, das dann durch das bekannte System 
5alton-Henry abgelöst wurde. Erweiterungen erfuhr das 
Amt in den Jahren 1905 und 19006 und ein bahn- 
»rechender Fortschritt wurde in den Jahren 1910 bis 
923 durch die Einrichtung der monodaktyloskopischen 
zegistratur, ferner einer Gemeinschädlichenevidenz und 
lurch die probeweise Einführung der Photogrammetrie 
‚etan. In der Folgezeit übernahm das Erkennungsamt 
‚uch die Führung der Handschriftensammlung und führte 
las Vernidentifizierungsverfahren nach dem System 
örgensen im Sinne der Beschlüsse des Internationalen 
’olizeikongresses in Wien 1923 und der Internationalen 
<riminalpolizeilichen Kommission in Wien im Jahre 1024 
in. Zur gründlichen Erlernung des Systems der Fern- 
dentifizierung entsandte die Polizeidirektion einen Kon- 
;‚eptsbeamten nach Kopenhagen. Das Erkennungsamt ist 
auch Zentralstelle für ganz Oesterreich als Zentral- 
'‚egistratur für die eigenen, für die im Inlande und für 
die im Auslande aufgenommenen Fingerabdruckkarten 
zowie für die Korrespondenz mit den ausländischen 
'dentifizierungszentralen. Es verwaltet auch die Sammlung 
ler Lichtbilder der Verbrecher (bis zum Jahre 1927 Ver- 
»recheralbum genannt). Wie umfangreich das Material 
st, geht daraus hervor, daß diese Lichtbildersammlung 
n zehn Kasten mit 1381 Kästchen untergebracht ist. 
Sehr reich ausgestattet ist auch die Lichtbildabteilung- 
Besonders zu erwähnen ist noch die sogenannte Mou- 
ageabteilung, die nach dem von Dr. med. Alfons Polleı 
ardachten Verfahren von der Polizeidirektion im Jahre 
924 eingerichtet wurde. Das Moulageverfahren, das eine 
aaturgetreue Nachbildung von Objekten fast jeder Ar! 
zestattet, ist von besonderem Werte für Tatbestandsauf- 
aahmen durch Festhaltung sonst vergänglicher oder nicht 
zut festhaltbarer Spuren sowie durch Abformung ‚von 
Verletzungen am menschlichen Körper, durch Abformung?
	        
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