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Einfluß ‚auf diese Industrie gehabt; in der äußeren Wirtschafts-
politik aber schwankte man unschlüssig zwischen dem Interesse des
Handels und der Industrie hin und her. In Deutschland war das
anders; dort haben die Fürsten, die die Refugies aufnahmen, nament-
lich Brandenburg-Preußen, ihre Industrie dauernd und konsequent
geschützt und dadurch vieles erreicht. Eine solche reine Industrie-
politik lag den Niederlanden fern und mußte ihnen fern liegen
wegen des dualistischen Charakters ihrer Wirtschaft.
Ob, wie im Hinblick auf die Refugi6esindustrie behauptet worden ist, der
Niederländer: sich für dabrıikmäßige Industrie nicht
eignete, scheint doch zweifelhaft; dagegen sprechen die Erfahrungen
auch der älteren Zeit!). In verschiedenen Industrien herrschte schon im 17. Jahr-
hundert Fabrikbetrieb, so in der Rotterdamer Textilindustrie und später
in der Zuckerfabrikation. Auch die Höhe des Lohnes konnte nicht als Hindernis
für die Annahme der Fabrikarbeit gelten. Er betrug in der Mitte des 18. Jahrhunderts
4 fl. pro Woche, was mehr war, als in England und Frankreich gezahlt wurde?).
Aber gerade dieser verhältnismäßig hohe Lohn lockte viele Arbeiter aus dem Aus-
Jande an, von denen man offenbar ein höheres Maß von Leistungen erwartete, als
von den bequemen und verweichlichten Holländern. In den Brennereien, Brauereien,
Zuckerraffinerien, Leinwandbleichen arbeiteten viele Ausländer?), während ihrerseits
die Holländer, die besser leben wollten, vorzogen, ins Ausland zu gehen, wo sie
allerlei Prämien und sonstige Vorteile zu erwarten hatten. Im allgemeinen brachte
wohl der Niederländer für die Industrie nicht die dazu nötigen Eigenschaften mit;
ihm fehlte die Gewandtheit, die Ausdauer; er hing, verführt durch das Vorbild
der Reichen, zu sehr am Lebensgenuß, um sich in der Industrie zu überarbeiten*).
Daher mangelte es ihm auch an der Erfindungskraft; was Neues aus den Nieder-
landen kam, verdankten sie meist den Ausländern.
Was von den alteinheimischen Gewerben
das ı8. Jahrhundert überdauert hat, bestand
in solchen Industrien, die Lebensnotwendig-
keiten des Volkes betrafen oder mit der kolo-
nialen Produktion in enger Beziehung stan-
den; so die Brauerei, der Schiffbau, die Holz-
industrie, die Zucker- und Tabakfabrikation,
endlich ein geringer Teil der Bekleidungsindustrie;
3 Berg, S. 275. 8
2? Berg, S. 302; Pringsheim, S. 53, hält die Angabe von! 4 11. für
zu niedrig.
3) Für die Brennereien erwähnt dies Heeringa,‚, Uit de geschiedenis,
S. 205 f., es waren namentlich Deutsche.
‘ Grabner, S. ı32. Über die Verweichlichung der holländ. Arbeiter
vel. Pringsheim, S. 53, Anm: 2.
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