Object: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die Psychologie des Erkennens. 
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zinal zurückweist. Dass indes damit der Begriff des Bewusst- 
seins nicht erschöpft ist, muss sogleich deutlich werden: denn 
alle seelischen Processe und Operationen, ferner alle abstrakten 
Verhältnisbegriffe und Beziehungen ermangeln nunmehr der zu- 
reichenden psychologischen Darstellung. Sie alle können weder 
durch ein Einzelbild, noch durch eine Summe von Einzelbildern 
zum vollständigen Ausdruck gebracht werden; es entsteht somii 
die Aufgabe, ihren Gehalt, sofern ein solcher zugestanden und an- 
erkannt wird, wenigstens indirekt durch Einführung neuer „Or- 
gane“ und Tätigkeiten der Seele verständlich zu machen. 
Die gesamte Psychologie des Erkennens, die Fracastoro ent- 
wickelt, ist auf diese Schwierigkeit und diese Frage gerichtet: 
wie ist es möglich, dass aus der Menge der sinnlichen Einzel- 
inhalte, die unser Ich ausfüllen, der Gedanke des Allgemeinen, der 
universale Begriff sich heraushebt und selbständig macht? Um 
diese Frage schrittweise zu beantworten, wird eine Stufenfolge 
seelischer Vermögen und Tätigkeitsformen eingeführt. An den 
untersten Grad, der durch die blosse Aufnahme der Eindrücke 
und durch die Verknüpfung der Empfindungen verschiedener 
Sinne zu einer Einheit bezeichnet wird, schliesst sich eine Tätig- 
keit, vermöge deren wir einen Inhalt, der uns zunächst als kom- 
plexes, noch ungeklärtes Ganze gegeben ist, nacheinander in 
seine Teilmomente zerlegen. Dem Ich wohnt eine eigene 
Bewegung und gleichsam ein innerer Trieb inne, der es über 
die Schranke des ersten Eindrucks hinausdrängt, um das ver- 
worrene Gesamtbild, das ihm anfangs gegeben ist, zu entwickeln, 
zu gliedern und zu verdeutlichen. Von der sinnlichen Empfäng- 
lichkeit ist dieses zergliedernde und analytische Vermögen des 
Bewusstseins — für das Fracastoro im Begriff der „subnotio“ 
einen eigenen neuen Terminus prägt — dadurch getrennt, dass es 
eine tätige Teilnahme des Ich voraussetzt; von den höheren ge- 
danklichen Verknüpfungsweisen unterscheidet es sich dadurch, 
dass es sich in ihm nicht um Wahrheit und Falschheit, also nicht 
am logische Beurteilung, sondern lediglich um einen einfachen 
and gleichsam instinktiven Uebergang vom einen zum andern 
Inhalt handelt. In dieser Mittelstellung erweist sich die neue 
psychologische Funktion, die Fracastoro einführt, dem modernen 
Begriff der Association verwandt: bemerkenswert ist es indes,
	        
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