Schlußwort.
715
Während nun so die Verschiedenheiten der Schulen das Bestreben
zeigen, sich in der Einheit der besser verstandenen Wissenschaft aufzu
lösen, sieht man im Hintergründe sich neue Unterscheidungen bilden, die,
weniger scholastisch und fruchtbringender für den Fortschritt der Wissen
schaft, einen neuen Fächer unter dem alten zu bilden scheinen.
Zunächst tritt in der Methode der Unterschied zwischen reiner
Ökonomie und beschreibender Ökonomie immer schärfer hervor,
oder wenn man dies vorzieht: die Unterscheidung zwischen der theo
retischen Systematisation und der Beobachtung der wirklichen Tatsachen,
— zwei Untersuchungsarten, die gleichmäßig notwendig sind, und die
geistigen Begabungen entsprechen, die nur selten in der gleichen Person
sich vereinigt finden. Die volkswirtschaftliche Wissenschaft kann aber
weder der Theorie noch der Beobachtung entraten. Wir empfinden heute
noch ebenso brennend wie früher den Wunsch, die wirtschaftlichen Ge
schehnisse in ihrer Verkettung zu begreifen und ihre gegenseitigen Be
ziehungen zu verstehen. Wenn aber auf der anderen Seite die wirtschaft
liche Organisation der Welt in beständiger Umformung begriffen ist, wenn
die Form und das Wesen der Industrie und des Handels sich täglich än
dern, wie wäre es möglich, daß wir darauf verzichten könnten, diese Vor
gänge zu beobachten und von Neuem zu beschreiben? So entwickeln sich
beide Methoden gleichzeitig unter unseren Augen und schreiten gleich
zeitig vorwärts. Ihr heftiger Streit um die Vorherrschaft scheint heute
endgültig beigelegt.
Und weiterhin sehen wir, wie die volkswirtschaftliche Wissenschaft
sich in verschiedene Wissenschaften zerlegt, die das Bestreben haben, mehr
und mehr selbständig zu werden. Diese Trennung bedeutet aber nicht
länger den Kampf, sondern einfach die Arbeitsteilung.
In ihren Anfängen war die ganze wirtschaftliche Wissenschaft in ein
oder zwei Bänden beschlossen. Unter den drei großen Teilüberschriften:
Produktion, Verbrauch, Güterverteilung glaubten Say und seine Nach
folger, leicht die Theorien und die wesentlichen Tatsachen zusammen
fassen zu können, deren Kenntnis damals genügte, einen Volkswirtschaftler
zu bilden. Seitdem hat sich unsere Wissenschaft, wie alle anderen, in eine
große Zahl verschiedener Zweige geteilt. .Was man früher Physik oder
Chemie nannte, ist nur noch ein elastischer Rahmen, der eine Menge von
Spezialwissenschaften umfaßt (Elektrizität, Optik, Thermodynamik, bio
logische Chemie usw.), und von denen jede genügt, die Arbeit eines ganzen
Menschenlebens auszufüllen. So ist auch heute das Wort Nationalökonomie
ein unbestimmter, wenn auch bequemer Ausdruck geworden, den man
gebraucht, um Forschungen zu bezeichnen, die oft sehr weit voneinander
entfernt verlaufen. Die Preistheorie und die der Güterverteilung sind zu
neuen Entwicklungen fortgeschritten, die sie fast zu besonderen Zweigen
der Wissenschaft machen; — die soziale Ökonomie hat sich ihr eigenes