284
ralischer, und im allerschlimmsten Falle handle ich im Geiste
der Vergeltungsmoral; in Zeiten der höchsten Not und Gefahr
drohe ich dir mit sozialem Zwang, das heißt, mit sozialer Ar
mut. Allein physisch dich nötigen, meinen Willen kundzutun,
widerstrebt nicht nur meinem eigensten Wesen, sondern steht
auch außer meiner Macht und würde meinen Selbstmord be
deuten*
Dieldeale der Zukunft führen uns zum Reiche der Hoffnung,
und gerade dieser Strom der Erwartung und Hoffnung ist es,
der das Große in der Welt zustande gebracht hat. Man sehe
z. B. die Arbeiterklassen in Gegenden, wo die Organisationen
keinen Fuß gefaßt haben, wie dort die Arbeiterklasse geistig
langsam stirbt, wie alles Licht in deren Antlitz erloschen ist.
Mag es Illusion sein, der „Sozialismus“, das, was man Illusion
zu nennen pflegt, macht aber den größten Teil des Lebens aus,
verleiht ihm seinen Wert oder Unwert. Da schreibt ein ,Tex
tilarbeiter: „Vom Sozialismus erhoffe ich die Erlösung der
schmachtenden Menschheit. Von ihr hoffe ich immerwährenden
Frieden, Freude, Freiheit und Gerechtigkeit. Schon sehe ich
Funken von dem Morgenrot einer neuen Zeit, und vielleicht
steigt bald die Frühlingssonne der Zukunft über den dunk
len Horizont der Gegenwart empor. Diese Hoffnung ist mein
Glaube. Sie ist der Quell, aus welchem ich die Widerstands
kraft zur Ertragung meiner Qualen und Leiden schlürfe.“ etc.
Ein Metallarbeiter: „Kein Einsamer bin ich, der im Glücke
seiner Familie alles fand. Die Arbeiterbewegung des Jahres
1890, das Ringen des vierten Standes nach Beachtung und
Anerkennung erfaßte auch mich. Hingerissen von der Macht
ihrer Idee, hineingerissen in den Strom ihrer Bewegung, mußte
ich ihr dienen. Ich diene ihr mit allen Fasern meines glühenden
Herzens. Mit dem Stifte in der Hand will ich ihr dienen und
dem Fortschritt und dem Geiste diene ich, der die Materie
zwingt.“ Ein Schlosser: „Der Zukunftsstaat der Sozialdemo
kratie wird kommen, muß kommen. Ich halte den sozia
listischen Zukunftsstaat für eine Kulturepoche wie jede andere
vorhergegangene, die ihre Zeit zur Entwicklung braucht, wie
diese. Es mag die Hoffnung berechtigt sein, daß in unserer
Zeit Umwälzungen schneller vor sich gehen können, als
* David Kolgen.