Full text: Rationalisierung als Kulturfaktor

J. Rationalisierung und Religion 117 
falls bringt, hinein in jene Seen „gefüllt mit glühendem Bimsstein 
und endloser Qual“. Eine „Welle von Trübsinn ging über fast jedes 
Herz nieder, Jugend und Liebe wurden heuchlerisch und verstohlen“*). 
Es ist verständlich, daß die Nachkommen der Pilgervaͤter, die eine 
so schwere Lebenslast auf sich genommen hatten, die Rationalität 
ihrer Lebensführung wenigstens in religiöser Hinsicht zu irrationa⸗ 
lisieren suchten, indem sie zur Sanktionierung des Siedlungs⸗ 
gedankens schritten und ihre Pflichterfüllung heilig sprachen. Der ein⸗ 
traͤglichste Beruf wird nunmehr zum Gott wohlgefälligsten, die Ver⸗ 
mögensbildung zur sakramentalen Segnung. Läßt der Erfolg auf 
sich warten, so zeugt dies von mangelnder Heiligung, von unzurei⸗ 
chender Teilhabe an der Gnade Gottes. Der Erwerb von Geld und 
immer wieder Geld unter strengster Vermeidung alles unbefangenen 
Genießens, „so rein als Selbstzwed gedacht, daß es als etwas gegen⸗ 
uüber dem „Glück“ oder dem Nutzen' des einzelnen Individuums 
jedenfalls gaͤnzlich Transzendentes und schlechthin Irrationales er⸗ 
scheint· (Max Weber) ist das oberste, geheiligte Gesetz dieser ratio⸗ 
nalistischen Ethik. 
Von dieser — wenn der Ausdruck gestattet ist — Metaphysik des 
Erwerbs zur Sanktionierung der hierbei angewandten Methoden 
ist nur noch ein Schritt. Ist das Ertragsstreben und der Ertrag ge⸗ 
heiligt, so sind es naturgemäß auch die Wege, die dahin führen, sind 
es die Maschinisierung und Arbeitsteilung, ist es die Zusammen⸗ 
fassung beider in einer wissenschaftlichen Arbeitsorganisation, dem 
„gcientific Management“. Damit aber sind wir bei F. W. Taylor, 
dem Erfinder der wissenschaftlichen Betriebsführung, der Anwendung 
der technischen Vernunft auch auf den Arbeitsvorgang angelangt. Die 
Grundsaͤtze seines Systems sind bekannt. Wir können es uns sparen, 
seine Methoden hier ausführlich wiederzugeben. Gottl⸗ Ottlilien— 
feld hat den Taylorismus auf die sehr richtige Formel gebracht: 
Hamuin Garland, Ason of the Midale Border, S. 97 / 98, uitiert bei 
Bonn, S. 116.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.