Full text: Rationalisierung als Kulturfaktor

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Es ist Walther Rathenau oft vorgeworfen worden, daß er diese 
ethischen Grundsätze mit der Praxis seiner Geschäftsgebarung als 
Praͤsident des größten deutschen Elektrizitätskonzerns, der AEG., 
nicht in Einklang gebracht hätte. Man hat gesagt, seine Theorien 
seien nichts anderes als der Ausdruck seines schlechten Gewissens, der 
Versuch einer Rechtfertigung kapitalistischer Bestrebungen ex poste- 
riore. 
Wir fühlen zum Splitterrichtertum keinen Beruf. Gesetzt aber, es 
verhielte sich so, was besagte dies gegen die These von der Herkunft der 
Rathenauschen Rationalisierungsethik aus dem Wirtschaftsgeist des jü⸗ 
dischen Glaubens? Die Wirklichkeit ist nur zu oft eine Verunstaltung der 
Idee. Schon allein die theoretische Begründung der rationalen Wirt⸗ 
schaftsorganisation aus dem Glauben zeigt die Verwurzelung Walther 
Rathenaus in jener Gesinnung, die Reichtum nur dann gutheißen 
kann, wenn er „unsträflich erfunden wurde“. Seine unermüdliche 
Sorge um eine „gerechte“ Wirtschaftsordnung ist Geist vom Geiste 
derer, die ein Leben in der von Gott vorgeschriebenen Gesetzlichkeit als 
das wahre Ziel aller menschlichen Arbeit bezeichneten. Mag Rathe⸗ 
naus Leben im einzelnen nicht ohne den Drang zu wirtschaftlicher, 
sozialer, politischer Macht und ästhetischer Geltung verlaufen sein, in 
der großen Linie seines Wirkens, in Wort und Schrift hat er sich — 
auch ohne kirchliche Bindung — als der fromme Jude erwiesen, der 
die Wirklichkeit in eine Gott wohlgefällige Ordnung zu zwingen ver⸗ 
suchte, weil das „Gesetz“ es befahl. 
I. Ratisnalisterung und Religion 
Zieht man das Fazit aus diesen Betrachtungen über die Wech⸗ 
selwirkungen von Rationalisierung und Religion, so wird man 
zu dem Ergebnis kommen, daß die Rationalisierung von den jüdisch⸗ 
christlichen Religionen insoweit willkommen geheißen werden kann, 
als sie Geist und Seele für den Dienst an Gott und an den von seiner 
Kirche gegebenen Anordnungen freisetzt. Soweit in diesen Reli⸗ 
gionen auch die „Bewãhrung“ im Diesseits als Gottes⸗Dienst an⸗
	        
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