Full text: Rationalisierung als Kulturfaktor

II. Rationalisierung und Ethik 161 
und staatspolitischen Bedeutung der Arbeiterbildung als eines der 
wenigen wirksamen Kompensationsmittel gegen die schaͤdlichen 
Wirkungen der Arbeitsteilung noch keineswegs bewußt sind. Die 
Gleichgültigkeit, mit der manche Parlamente dieser Aufgabe und ihrer 
Erfuͤllung gegenüberstehen, die Geringfügigkeit der Sachmittel, die 
hierfür ausgeworfen sind, zeigen, daß auch in staatspolitisch geschulten 
und verantwortungsfreudigen Kreisen die außerordentliche Bedeutung 
der Arbeiterbildung für Staat und Gesellschaft noch selten erkannt 
wirdx)J. 
Daß die günstige Gestaltung der Arbeitszeit und des Arbeits⸗ 
lohnes als Kompensationsmittel gegen die Arbeitsentgeistigung 
gleichfalls eine bedeutsame Rolle spielen, bedarf kaum einer besonderen 
Erwahnung. Wenn auch die Annahme Fords, wonach 95)6 aller 
Unlustgefühle bei der Arbeit — selbst die Gefühle werden, wie man 
sieht, von dem trefflichen Vollblutamerikaner in Prozenten fest⸗ 
gelegt! — durch Lohnerhöhung kompensiert werden können, über⸗ 
trieben sein duürfte, so steht doch fest, daß der unmittelbare Zusammen⸗ 
hang zwischen Rationalisierung und Verbesserung der Lebenshaltung 
die positive Haltung der amerikanischen Arbeiterschaft zur Rationali⸗ 
sierungsfrage entscheidend beeinflußt. Fuͤr eine Lohnsteigerung von 
199 im Jahre 1920 auf 250 im Jahre 1926 (1913 * 100 gesetzt), bei 
gleichzeitiger Senkung der Preise von 226 auf 151, und eine Ver⸗ 
kürzung der Arbeitszeit von 191321926 um rund 795, nimmt man 
schon allerhand „Arbeitsentsinnung“ mit in Kauf. Wenn sich dann 
noch ergibt, daß die Arbeitsbewegungen durch die Rationalisierung 
x) Einen guten Überblick über die vorhandenen Organisationen der 
Arbeiterbildung vermittelt die Broschüre von Theodor Leipart und Lothar 
Erdmann, „Arbeiterbildung und Volksbildung“, Berlin 1928, Verlagsgesellschaft 
des ADGwB, die die freigewerkschaftliche Einstellung zum Arbeiterbildungsproblem 
wiedergibt. Uber die Grundlagen und Ziele des Bildungswesens der christlichen 
Sewerkschaften unterrichtet anschaulich die Broschüre von Franz Röhr, „Grund—⸗ 
lagen und Ziele des gewerkschaftlichen Bildungswesens“, Christl. Gewerkschafts⸗ 
Verlag, Berlin⸗Wilmersdorf, 1926. 
Rauecker
	        
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