Full text : Rationalisierung als Kulturfaktor

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2. Gewiß hat der Künstler, der eine „heilsame Konzentration“
treibt, immer erkannt, daß Strömungen, die stärker sind, als
sein einzelnes Wollen und Denken von ihm verlangen, daß er
erkenne, was wesentlich seinem Zeitgeiste entspricht. Diese Strö⸗
mungen können sehr vielfältige sein, er nimmt sie unbewußt als
allgemeine Einflüsse auf, sie haben materiell und moralisch etwas
für ihn Zwingendes; er ordnet sich ihnen willig unter und ist für
die Idee eines neuen Stiles an sich begeistert. Und seit 20 Jahren
suchen manche unter uns die Formen und die Verzierungen, die
restlos unserer Epoche entsprechen.
Keinem von uns ist es jedoch eingefallen, diese von uns gesuchten
oder gefundenen Formen oder Verzierungen anderen nunmehr
als Typen aufzwingen zu wollen. Wir wissen, daß mehrere
Benerationen an dem noch arbeiten müssen, was wir ange⸗
fangen haben, ehe die Physiognomie des neuen Stils fixiert
sein wird, und daß erst nach Verlauf einer ganzen Periode von
Anstrengungen die Rede von Typen und Typisierung sein kann.
Wir wissen aber auch, daß nur solange dieses Ziel nicht erreicht
ist, unsere Anstrengungen noch den Reiz des schöpferischen
Schwunges haben werden. Langsam fangen die Kräfte, die
Gaben aller an, ineinander überzugehen, die Gegensätze werden
neutralisiert, und in eben dem Augenblicke, wo die individuellen
Anstrengungen anfangen zu erlahmen, wird die Physiognomie
—D
brauch von Formen und Verzierungen ein, bei deren Herstellung
niemand mehr den schöpferischen Impuls aufbringt; die Zeit
der Unfruchtbarkeit ist dann eingetreten.
Das Verlangen, einen Typ noch vor dem Werden eines Stiles
erstehen zu sehen, ist geradezu dem Verlangen gleichzusetzen, die
Wirkung vor der Ursache sehen zu wollen. Es heißt, den Keim im
Ei zerstören. Sollte wirklich jemand sich durch den Schein, damit
rasche Resultate erzielen zu können, blenden lassen? Diese vor⸗
Rauecker

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