B. Betrachtungen
zeitigen Wirkungen haben um so weniger Aussicht, eine wirksame
Ausstrahlung des deutschen Kunstgewerbes auf das Ausland
zu erreichen, als eben dieses Ausland einen Vorsprung vor uns
voraus hat in der alten Tradition und der alten Kultur des
Geschmacks.
Deutschland hingegen hat den großen Vorzug, noch Gaben zu
haben, die anderen aͤlteren, müderen Völkern abgehen, die Gaben
der Erfindung nämlich, der persönlichen geistreichen Einfälle.
Und es heißt geradezu eine Kastration vornehmen, wenn man
diesen reichen, vielseitigen schöpferischen Aufschwung jetzt schon
festlegen willr).“
Eine Lösung des Zwiespaltes hat spaͤterhin der Leiter der modernen
Abteilung am Nationalmuseum in München, Günther Freiherr
bon Pechmann, versucht, indem er dem unter Anwendung von
Maschinenarbeit hergestellten Typus zwar künstlerische Eigen⸗
schaften abspricht, ihm hingegen ästhetische Qualitäten zubilligt.
„Die Unvereinbarkeit maschineller Herstellung mit jener persön⸗
lichen Beseelung des Stoffes, ohne die ein Kunstwerk nicht denkbar
ist, führt zu der unerbittlichen Forderung, bei dem Maschinenerzeugnis
sowohl in der Form wie im Ornament auf jede ‚künstlerische Wirkung
zu verzichten. Zu diesem Verzicht muß entschlossen sein, wer einen
Gegenstand mittels der Maschine so gestalten will, daß er aͤsthetisch
erfreuen kann, daß er schön und geschmackvoll wirken kann. Er ge⸗
winnt dafür die Möglichkeit, den Gegenstand zum Typus zu ent⸗
wickeln, denn ... die Unpersoͤnlichkeit der Erscheinung ist eine Vor⸗
aussetzung für ihre Geltung als Typus.“ „Van de Veldes Indivi⸗
dualismus ist überall berechtigt, wo es sich um handgearbeitete Werke
) Es ist für die Unvereinbarkeit der aͤsthetischen Gegensätze, die in dieser
Polemik zum Ausdruck kommen, kennzeichnend, daß auch auf der diesjaährigen
Werkbundtagung (1928) in München die Professoren Alfred Weber und Wilhelm
pinder sich in ähnlich antithetischen Ausführungen ergingen. (Vgl. hierfür
Werkbundfragen, Flugschriften der Form'“, Nr. ꝛ, Verlag Hermann Renkendorf.
Berlin 1928.)
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