— V. Anwendungsgebiete der Rationalisierung — 2. Die Industrie 75
auch auf dem Wege der Kaufkraftsteigerung durch Preissenkung oder
Lohnerhöhung nur solange vermieden werden kann, als das Angebot
mit dem Bedarf gleichen Schritt hält. Überschreitet das Angebot die
Optimalgrenze, die je nach dem Saͤttigungsgrad des Konsums früher
oder spaͤter erreicht wird, so ist eine Absatzsteigerung zwar noch eine
Zeitlang zu verbilligten Preisen oder auf Grund von Lohnerhöhungen
moͤglich — ein Überschußabsatz sozusagen, der keinen normalen Be⸗
důrfnissen mehr entspricht, sondern nur noch auf dem Wege besonderer
Anreize zustande kommt —, nach Ablauf dieser Gnadenfrist tritt dann
aber das bereits latent bestehende Mißverhaͤltnis zwischen Angebot
und Nachfrage, die wirtschafts⸗organisatorische Disproportionalitaͤt,
um so deutlicher zu Tage.
Diese „Sattigungsgrenze“ scheint in den Vereinigten Staaten von
Amerika seit geraumer Zeit überschritten zu sein. Wie die Monats⸗
schrift des offiziellen „Bureau of Labor Statistics“, die „Monthly
Labour Reviey* vom Mai 1927 auf Grund von amtlichen Produk⸗
tionsstatistiken festgestellt hat, ist die Produktionsmenge in den Ver⸗
einigten Staaten von 1919 1925 von 100,0 auf 125,0 gewachsen,
der Produktionsinder je Arbeiter von 100,0 auf 134,0. In seinem
Jahresbericht für das Jahr 1925 hat der Staatssekretaͤr im ameri⸗
kanischen Wirtschaftsministerium Davis Mitteilungen gemacht, die
diese Angaben unterstützen. Er führt eine Reihe von Beispielen für
die Überproduktion in einzelnen Industriezweigen auf und fügt
generalisierend hinzu:
„Einer der großen Bestandteile des Arbeitslosenproblems ist der
gegenwaͤrtig überentwickelte Zustand einiger unserer Großindustrien.
Unsere schöpferische Maschinerie und das Betriebsmaterial in vielen
dieser Industrien können nicht 300 Tage im Jahr laufen und einen
Vorrat erzeugen, der weder in diesem, noch in einem anderen Lande
verkauft werden kann.“ Die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt der
Vereinigten Staaten waährend der letzten drei Jahre zeigt, wie recht
Davis mit seinem Hinweis auf den Zusammenhang zwischen Über⸗