Full text: Rationalisierung als Kulturfaktor

V. Anwendungsgebiete der Rationalisierung — 2. Die Industrie 77 
1927 mit demselben Nachdruck verurteilt haben, wie sie ihn hinterher 
zum Schutze ihrer eigenen Interessen glaubten fortsetzen zu müssen. 
Der Protektionismus der Nachkriegszeit war ursprünglich auf 
vier Hauptursachen zurückzuführen: Auf nationalistische Erwä⸗ 
gungen, bei denen wirtschaftliche Gesichtspunkte bewußt keine Rolle 
gespielt haben; auf die künstliche Hochzüchtung neuer Industrien in 
den durch die Friedensvertrage entstandenen nationalen Neustaaten; 
auf die Entstehung neuer Konlurrenten der europaͤischen Industrie in 
den überseeischen Laändern und die hiermit zusammenhaͤngende prozen⸗ 
tuale Verringerung des europäischen Handels im Rahmen der Welt⸗ 
wirtschaft; und schließlich auf die Beseitigung des wirtschaftlichen Gast⸗ 
rechts (Konfiskation des feindlichen Eigentums im Ausland durch die 
Friedensverträge), die zu einer allgemeinen Nationalisierung des 
Wirtschaftslebens geführt hat. Diese vier Hauptursachen des Protek⸗ 
tionismus der Nachkriegszeit sind in den letzten Jahren noch 
durch die Überproduktion verstärkt worden. Es kann nicht erstaunen, 
wenn fůglich die Entschließung der Weltwirtschaftskonferenz über die 
Notwendigkeit des allgemeinen Zollabbaues bisher nur theoretische 
Erkenntnis geblieben ist. 
Um so notwendiger ist es, immer wieder darauf hinzuweisen, 
daß Rationalisierung und Schutzzoll unvereinbare Gegensaͤtze sind und 
daß, wer das eine anstrebt, das andere nicht billigen kann. Der Zweck 
des Schutzzolles ist die Schaffung oder doch Staͤrkung der Rentabilität 
landwirtschaftlicher oder industrieller Unternehmungen, die ohne 
solchen Schutz ihre Produktion einstellen müßten. Er wirkt also un⸗ 
rationell insoweit, als er die Aufrechterhaltung und Fortsetzung der 
Produktion unter relativ ungünstigen Bedingungen fordert. Das 
Ziel der Rationalisierung ist im Gegensatz hierzu die Konzentration der 
Produktion unter den günstigsten Produktionsbedingungen und die 
Beseitigung aller hierbei hinderlichen Hemmungen. 
Jede Maßnahme auf dem Wege zur weltwirtschaftlichen Verstaͤndi⸗ 
gung wird vom Standpunkt der Rationalisierung daher begrüßt
	        
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