Object: Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft im Kriege

Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft. 
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Baisse entwickelte sich denn auch zur Panik, die im Kursblatt vom 25. Juli 
1914 ihre Spuren anzeigt. Sie bietet ein Bild der wildesten Verheerung. 
Am empfindlichsten wurde die französische Rente mitgenommen, und 
in der Kulisse mußte das Geschäft in Renten suspendiert werden, im 
Parkett wurden Blankoverkäufe nicht mehr zugelassen und der Kurs 
der 3 % Rente von 74 % auf 78 % zwangsweise festgesetzt. Die Syn 
dikatskammer der Agents de change griff ein: Verkäufe von französischer 
Rente in spekulativen Abgaben dürfen nicht effektuiert werden, spe 
kulative Engagements können nur dann gelöst werden, sobald die Titel 
beigebracht sind usf. Doch das Kursniveau sank unaufhaltsam. Die 
Kurse einiger führender Werte zeigen im Vergleich zu denen vom 18. Juli 
das folgende Bild: 
Börsenkurse während der Kriegskrisis. 
Wertpapier 
18. Juli 
25- Juli 
3% Rente 
82,07 
78,00 
3V2 % Rente 
gr,67 
86,00 
Russische Konsols 
87,00 
82,50 
5 °/o Russen 
102,50 
98,87 
Banque de Paris 
i357,oo 
1225,00 
Credit Lyonnais 
i535,oo 
1432,00 
Societe Generale 
739,00 
690,00 
Azow-Don-Bank 
1416,00 
1290,00 
Russisch-Asiatische Bank 
650,00 
512,00 
Rio-Tinto 
1717,00 
1604,00 
Naphta Nobel 
458,00 
420,00 
Ungewißheit und Zweifel über die weitere Entwicklung des drohend 
aufgetauchten europäischen Krieges versetzten die Börse in eine hoch 
gradige Nervosität. Für die Kopflosigkeit und Aufregung jener letzten 
Tage zeugt ein Zwischenfall. Der Pariser Bankier Rosenberg, öster 
reichischer Staatsbürger, war an der Börse als Urheber zahlreicher 
Baissen, besonders im Rentenmarkt bekannt. Ara 27. Juli erschien er 
in der Börse und sofort nahm man an, daß er wieder zu Baisseattacken 
ansetzen wollte. Eine stürmische, feindliche Bewegung löste sich gegen 
ihn aus; „dieselben Kommis, die sich sonst um seinen Standplatz drängten, 
um Ordres zu erlangen, waren wieder da, aber da das Geschäft in der 
Kulisse ruhte, so wuchs ihre Zahl an, es kam zu Bemerkungen, nachher 
zu Rufen, und schließlich wurde eine feindliche Demonstration daraus, 
die derart anWuchs, daß eine seriöse polizeiliche Intervention nötig 
wurde, und der Polizeipräfekt auf die Nachricht hin persönlich herbei 
eilte, um weitere Unbilden zu verhüten.“ 1 ) 
Doch die Ereignisse eilten in überwältigender Kraft und unhaltbar 
ihrem Ziele entgegen. Kein Geringerer als Jaures hatte dieses Ziel 
klar erkannt: 
■*) Frankfurter Zeitung, 28. Juli 1914.
	        
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