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trägt. „Die Mädchen für alles," so schreibt Dr. Stillich in seiner
Arbeit: „Lage der weiblichen Dienstboten Berlins", „müssen mit
dem geringsten Lohn vorlieb nehmen. Sie müssen, wie wir gesehen
haben, zwar am längsten ärbeiten, werden aber dafür am schlechtesten
bezahlt: 58,8 Proz. (im Durchschnitt der Angaben beider Parteien,
der Dienstboten und „Herrschaften") erhalten weniger als 200 Mk.
jährlich." Bei weitem günstiger als die Mädchen für alles sind die
Hausmädchen gestellt; von ihnen erhalten 36,8 Proz. weniger als
200 Mk.
Die Mädchen, die ständig die Welt des bürgerlichen Luxus vor
Augen haben, leben. sich in die Bedürfnisse dieser Welt ein. Sie
können aber die in ihnen geweckten neuen Bedürfnisse nur befriedigen,
wenn sie schmählichem Nebenverdienste nachgehen.
Mit brutaler Rücksichtslosigkeit geben die Herrschaften den
Dienstmädchen vielfach zu verstehen, daß sie nur eine Art dienender
Haussklaven sind, die.zu arbeiten und zu gehorchen haben. Die
Herrenanschauungen der „Herrschaften" äußern sich ohne jede Ab
milderung meist in der Behandlung, die sie den Dienstboten zu-
kommcn lassen. Ein Mädchen schrieb an Dr. Stillich: „Ich kannte
ein junges, kräftiges Mädchen, das mit ganzer Liebe arbeitete und
tüchtig arbeitete, dabei wurde ihm eine Behandlung zuteil — un
beschreiblich. Die Dame, eine Geheimrätin, trieb das arme Ding
um 6 Uhr morgens schon mit harten Worten aus dem Bett, und
dann ging cs an ein Scheuern und Reinemachen bis abends
10 Uhr . . . Als das Mädchen, das nicht einmal satt zu essen be
kam, kündigte, gab ihr die Dame zur Antwort — ein paar schallende
Ohrfeigen. . . ." „Das Mädchen wurde zwei Stunden lang in der
Küche eingeschlossen und erhielt, als sie sich bei der Polizei über die
Mißhandlung beschwerte, kein Recht. . . ." „Außerdem bekam das
Mädchen ein schlechtes Zeugnis, worauf sie überhaupt keine an
ständige Stelle mehr bekam, und jetzt soll sie, wie ich zu meiner
größten Betrübnis hörte, schlecht geworden sein."
Die sich in den Köpfen der „Herrschaften" ganz ungezügelt aus
wirkenden Klassenanschaüungen schlagen mitunter in den unsitt
lichen Zumutungen nieder, die sie an die weiblichen Dienstboten
richten. Die werbliche Ehre der Dienstboten schätzen sie als eine
quantite negligeable ein. Die weibliche Ehre der Dienenden hat
für sie nur einen Marktwert — mitunter nur den Wert einer Mark.
Ein bei einem Restaurateur dienendes Mädchen führte folgende
Klage: „Ich mußte nun immer im Restaurant sein, und wenn ich
nach dem Keller ging und dem-Herrn das Licht halten mußte, hat er
mir unsittliche Sachen angeboten. Einmal wollte er mir inr Keller
eine Mark geben und dann in der Wohnung einmal drei Mark, und
weil ich das nicht wollte, hat er nur immer die gemeinsten Wörter
gesagt. Die Frau, die davon erfuhr, hat mich öfters geschlagen."
Ein neunzehnjähriges Dienstmädchen mußte ihren fast unbekleideten
Herrn fortgesetzt bedienen. Eine Pensionsbesitzerin schrieb: „Da