Full text: Das Hotel- und Gastgewerbe

FEUILLETONISTISCHE WERBUNG FÜR EINEN KURORT UND EIN KURHOTEL 243 
Das sind die drei Kardinalfragen. Alles übrige ergibt sich bei 
einem gewandten Federmenschen schon von selbst. Daß diese 
eigentlich selbstverständlichen Grundregeln bei der literari- 
schen Propaganda leider nicht immer befolgt werden, konnte 
ich oft in Zeitungen und Zeitschriften feststellen. Besonders 
eindringlich bei manchen literarischen Erzeugnissen, die aus 
Kurorten in den Blätterwald flattern. Dort findet man zuweilen, 
glücklicherweise nicht gar zu häufig, die zum Übel gewordene 
Schablone, bei der es dem Leser übel wird, weil er sie gar zu 
oft vorgesetzt bekommt. Immer derselbe Stil und derselbe In- 
halt. Man brauchte nur die Namen zu wechseln, und schon 
könnte man den gleichen Text für ein oder zwei Dutzend 
anderer ‘Kurorte verwenden. Zu dieser üblen Schablone ge- 
hört die emphatische Mitteilung, daß im Bad X der Frühling, 
oder der Sommer, oder der Winter eingezogen sel. 
. Am besten veranschaulichen Beispiele das, was ich mir unter 
einer literarischen oder feuilletonistischen Plauderei vorstelle. 
Und zwar gebe ich zunächst ein solches wieder, das die Propa- 
ganda für ein Hotel mit der Propaganda für den Kurort 
selbst verbindet. Ein weiteres Beispiel für eine Plauderei über 
ein Großstadt-Hotel werde ich folgen lassen. 
VON DER KAPUZINERABTEI ZUM MODERNEN 
HOTEL 
„Wird das obere Bett besetzt?“ fragte ich den Schlafwagen-Kondukteur 
und sah ihn verständnisvoll an. Ich hatte die Absicht, ihm eines jener 
silbernen Dreimarkstücke, die einem Taler aus Blei so täuschend ähnlich 
sehen, vorläufig — — zu versprechen, wenn das Bett unbesetzt bleiben 
würde. Der Wackere verstand, zog schmerzlich die Achseln hoch und 
erklärte wehmütig: 
, „Es ist leider besetzt. Der Herr wird am Neustädter Bahnhof zusteigen. 
Wir haben auch kein anderes Bett mehr frei. Sonst hätte ich die Sache 
Sern arrangiert.“ 
„Hoffentlich schnarcht er nicht“, meinte ich ärgerlich. Doch schon 
Sewann mein angeborener Frohsinn wieder die Oberhand und lachend 
setzte ich hinzu: „Sonst ist er morgen früh eine Leiche, wenn er aufwacht.“ 
Gleich darauf fuhren wir in den Bahnhof Dresden-Neustadt ein. Mein 
Fahrt- und Bettgenosse kam. Wir musterten uns, mißtrauisch, ein wenig 
verdrossen. Wie zwei Hunde, die sich einen sympathischen Knochen 
teilen sollen, ihn aber am liebsten jeder allein verspeisen möchten, Da, 
ein Stutzen. Besinnen. Jähes Aufflackern längst versunkener Er- 
Mnnerungen. 
„Lothar?“ fragte ich leise, in bangem Zweifel. Das konnte doch gar 
Nicht möglich sein. Lothar Hagen, mein liebster Jugendgespiele und
	        
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